Südkoreaner fordern wirtschaftliche Demokratisierung: Höchsten Selbstmordrate in der OECD, rasant steigende Scheidungsrate, geringe Geburtenrate – Exportorientierte Grosskonzerne wie Samsung und Hyundai herrschen – sie bieten nur wenige gutbezahlte Stellen – Die Kehrseite des wirtschaftlichen Erfolgsmodells, das Südkorea – auch dank massiver amerikanischer Wirtschaftshilfe für das Bollwerk gegen den Kommunismus – zur zwölftstärksten Wirtschaft machte. Die Koreaner fordern jetzt eine Umorientierung: mehr Arbeitsstellen und eine Umverteilung des Reichtums und wirtschaftliche Demokratisierung!

Südkorea

Das Erfolgsmodell kommt in Bedrängnis

Wirtschaftsnachrichten Dossier: Aufstrebende BRICS-Staaten und Schwellenländer Freitag, 5. Juli

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Wohnungseigentümer schauen in Südkorea wegen der immensen Schuldenlast oft in eine ungewisse Zukunft.
Wohnungseigentümer schauen in Südkorea wegen der immensen Schuldenlast oft in eine ungewisse Zukunft. (Bild: Lee Jae Won / Reuters)
Innert weniger Jahrzehnte entwickelte sich Südkorea vom Armenhaus zur viertgrössten Wirtschaft Asiens. Damit auch die breite Bevölkerung davon profitiert, muss das Land aber neue Wege einschlagen.

Patrick Zoll, Tokio

Wer durch die Strassenschluchten zwischen den Stahl-Glas-Türmen des Seouler Geschäftsviertels Gangnam geht, kann sich kaum vorstellen, dass Südkorea vor zwei Generationen eines der ärmsten Länder der Welt war. Heute ist das Land mit seinen 50 Mio. Einwohnern die zwölftgrösste Volkswirtschaft weltweit. Das «Wunder am Han-Fluss» führte dazu, dass es bisher nur Südkorea gelungen ist, vom Empfänger von Wirtschaftshilfe der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zum Mitglied des Geber-Komitees aufzusteigen.

Gesellschaft unter Stress

Auch die Wirtschafts- und Finanzkrise der vergangenen Jahre hat Südkorea verhältnismässig gut gemeistert. Selbst im Krisenjahr 2009 lag die Wirtschaftsleistung noch leicht im positiven Bereich. Seit Jahren zeigen sich aber immer deutlicher die Schwächen des exportorientierten, von wenigen Grosskonzernen getragenen Wachstumsmodells. In einer Studie kommt das McKinsey Global Institute zum Schluss, dass sich das Wirtschaftswachstum vom Leben der Menschen abgekoppelt habe und die Gesellschaft unter Stress stehe.

Die Autoren der Studie machen das an Symptomen wie der höchsten Suizidrate in der OECD, einer rasant steigenden Scheidungsrate und einer geringen Geburtenrate fest. Die Gründe dafür sehen sie beim immer langsameren Wachstum der Löhne, dem gleichzeitig stetig steigende Ausgaben für Wohnen und Ausbildung gegenüberstehen. Der Mittelstand schwindet, und die einst hohe Sparquote ist mit 4% mittlerweile eine der niedrigsten der OECD. Wenn die Zahlungen für Hypotheken einberechnet werden, so geben über die Hälfte Haushalte der Mittelklasse mehr aus, als sie einnehmen.

Diese Zahlen sind nicht bloss statistisches Material, sondern beschäftigen die Bevölkerung. Im monatlich erhobenen Sorgenbarometer des Asan Institute nannten in den vergangenen zwölf Monaten die Befragten als wichtigste Themen immer «Stellen schaffen» und «gerechtere Verteilung von Reichtum». Im August letzten Jahres kam der Begriff «wirtschaftliche Demokratisierung» hinzu, der zum Schlagwort des Wahlkampfs für die Präsidentenwahl im Dezember wurde.

Wenn die Weltwirtschaft lahmt, schlägt das aufs Wachstum exportorientierter Länder wie Südkorea durch. Die Bank of Korea rechnet im laufenden Jahr mit einem Wachstum von 2,6%, deutlich weniger als vor der Finanzkrise mit Raten von damals 4%. In einem Interview mit der Wirtschaftszeitung «Maeil Business» sagte die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, dass die Exportindustrie ein wichtiger Wachstumsmotor bleiben werde. Allerdings müsse Südkorea die Wirtschaft breiter abstützen und als zusätzlichen Wachstumstreiber die nicht handelbaren Sektoren fördern.

Chaebols erdrücken KMU

Das Problem der Chaebols, der gut 60 weit verzweigten und mächtigen Konglomerate à la Samsung und Hyundai, ist, dass sie zwar rund 70% der Wirtschaftsleistung ausmachen, aber nur gerade 12% der Jobs bieten. Hier spiegelt sich ihre Effizienzsteigerung und Globalisierung. Die Mehrzahl der Südkoreaner arbeitet in kleineren und mittleren Unternehmen, die auf den heimischen Markt ausgerichtet sind, vor allem im Dienstleistungsbereich. Im Gegensatz zur weltweit erfolgreichen Exportindustrie ist Südkoreas Dienstleistungssektor unterentwickelt.

Nur in wenigen Bereichen sind südkoreanische Dienstleister global wettbewerbsfähig, etwa in der Luftfracht, wo Korean Air zu den Weltmarktführern gehört. Die meisten Dienstleister sind aber in Bereichen von niedriger Wertschöpfung tätig, namentlich Detailhandel, Transport und Gastronomie.

Auffallend hoch ist der Anteil an Einpersonenfirmen, was beispielsweise die unzähligen Garküchen und Kioske in den Strassen Seouls illustrieren. Über 28% aller Koreaner sind selbständig, annähernd doppelt so viele wie im OECD-Schnitt. Nur ganz wenigen KMU gelingt es, zum Grossunternehmen zu werden − laut einer ministeriellen Studie in gerade 0,07% der Fälle.

Wie weit verzweigt die Interessen von Chaebols sind, zeigt das Beispiel Samsung. Die wichtigsten Branchen sind Elektronik, Maschinen- und Schwerindustrie, Chemie und Finanzdienstleistungen. Dazu kommen aber auch Handel, Luxushotels und Resorts, Gastronomie, Bau, Immobilien − die Liste kann fast beliebig fortgesetzt werden. Die verschiedenen Unternehmen der Gruppen halten ein Netz von Kreuzbeteiligungen, vielfach sind die Mitglieder der Samsung-Gründerfamilie Lee auch noch direkt beteiligt.

Teilweise erklärt die Dominanz der Chaebols die Schwäche der KMU. So greifen Grossunternehmen vorwiegend auf Lieferanten aus der eigenen Gruppe zurück, auch bei Dienstleistungen wie IT-Beratung oder Werbung. Unabhängige Anbieter haben einen schweren Stand. Viel zu reden gab insbesondere im Wahlkampf, dass Chaebols Kleinbetriebe aus dem Markt drängen. Emotionell berichteten die Medien über unabhängige Cafés oder Bäckereien, die in Konkurs gehen, weil Ketten, die teilweise von Chaebols kontrolliert werden, in unmittelbarer Nähe ihre Filialen eröffneten.

Leere Versprechungen Parks

Um dem Unmut des Volkes entgegenzutreten, versprach die amtierende Präsidentin Park Geun Hye im Wahlkampf, die Chaebols in die Schranken zu weisen. Damit hinterfragte sie indirekt die Politik ihres Vaters Park Chung Hee, der in den sechziger und siebziger Jahren mit seinem autokratischen Stil die Grundlagen für das Wachstum durch Export und damit den Aufstieg der Chaebol gelegt hatte. Im Gegensatz zum Oppositionskandidaten Moon Jae In, der davon sprach, die Chaebols zu zerschlagen, blieb Park mit ihren Vorschlägen allerdings vage. Dass die Präsidentin seit ihrer Amtseinsetzung im Februar bisher wenig in der Sache unternommen hat, lässt die Opposition vermuten, dass Park damals bloss taktierte.

Trotz aller Kritik an den Chaebols sei es noch immer der Traum fast aller südkoreanischen Eltern, dass ihre Kinder eine dieser raren Arbeitsstellen ergatterten, sagt ein Beobachter. Der scheinbare Widerspruch lässt sich damit erklären, dass diese höhere Löhne und bessere Lohnnebenleistungen bieten als KMU. Auch die Arbeitsplatzsicherheit ist bei den Chaebols höher; der überwiegende Anteil an Entlassungen aus wirtschaftliche Gründen findet laut einer Studie der OECD bei kleinen Unternehmen statt.

Obwohl laut Gesetz praktisch alle Arbeitnehmer der Arbeitslosenversicherung angeschlossen sein sollten, wird diese Vorgabe häufig nicht eingehalten. Die OECD geht davon aus, dass in den kleinsten Unternehmen nur einer von vier Angestellten nach einer Entlassung durch die Versicherung geschützt ist. Doch da die Chaebols in Zukunft kaum mehr ihrer begehrten Arbeitsplätze bieten werden, müssen die Stellen von KMU geschaffen werden. Und dafür müssen die Rahmenbedingungen für die mittelständische Wirtschaft stimmen.

Umbau des Bildungssystems

Eine Schwachstelle des koreanischen Systems ist das Bildungswesen. Um ihre Kinder auf den Kampf um die wenigen guten Arbeitsplätze in den Grossunternehmen vorzubereiten, investieren Familien heute 9% ihres Einkommens, fast das Doppelte wie vor 20 Jahren. Die Kosten für private Zusatzstunden, massgeschneiderte Vorbereitungen auf die alles entscheidenden Prüfungen und die Schulgebühren sind so hoch, dass das Lebenseinkommen eines Universitätsabsolventen tiefer ist als von jemandem, der direkt nach der Schule ins Berufsleben einsteigt. Die hohen Bildungskosten sind neben den Ausgabe fürs Wohnen der Hauptgrund, dass viele Mittelstandsfamilien verschuldet sind – und sie erklären auch die niedrige Geburtenrate.

Nicht zuletzt ist der Überhang an universitärer Bildung gesamtwirtschaftlich unsinnig, denn die Mehrzahl der Absolventen findet keine Stelle, wo sie das Gelernte anwenden kann. Eine Berufsausbildung, angelehnt an das deutsche System – das duale Berufsbildungssystem –, befindet sich erst im Aufbau. Dieses duale System muss entstehen, damit die Last der Bildungskosten für Familien sinkt und diese das frei werdende Einkommen in den Konsum stecken. Gleichzeitig kommen so mehr junge Arbeitsuchende mit Fähigkeiten auf den Mark, die von Unternehmen, besonders auch kleineren und mittelgrossen Dienstleistern, gesucht sind. Mit richtig ausgebildeten Arbeitskräften haben die KMU denn auch bessere Zukunftschancen.

Südkorea verliert Arbeitskräfte

paz. Tokio ⋅ Die geringe Geburtenrate in Südkorea wirkt sich schon bald auf den Arbeitsmarkt aus: Demografen gehen davon aus, dass die arbeitende Bevölkerung 2016 den Höchststand erreichen und bis 2050 um einen Viertel abnehmen wird (vgl. Grafik). Angesichts dieser Tatsache legte der Internationale Währungsfonds (IMF) in seinen letztjährigen «Artikel IV»-Bericht mit Seoul einen Schwerpunkt auf die demografischen Herausforderungen: Gegengesteuert werden kann etwa dadurch, dass Frauen stärker ins Erwerbsleben eingebunden werden. Ihre Erwerbsquote liegt 20% tiefer als jene der Männer. Heute hören Frauen oft zu arbeiten auf, wenn sie Kinder bekommen.

Die Alterung der Gesellschaft, die in Südkorea so schnell abläuft wie in keinem anderen industrialisierten Land, ist aber nicht nur eine Herausforderung, sondern sie bietet auch neue Geschäftsfelder. Unter den Branchen, die zum Wachstum beitragen und gleichzeitig Arbeitsplätze generieren könnten, identifiziert das McKinsey Global Institute das Gesundheitswesen und die soziale Wohlfahrt. Ältere Menschen brauchen mehr medizinische Versorgung. Die Tradition, dass Alte und Betagte bei ihren Kindern, namentlich den Söhnen, leben und notfalls gepflegt werden, stösst mit der fortgeschrittenen Urbanisierung schon länger an Grenzen. Die Budgets junger Familien sind durch die hohen Wohnungs- und Ausbildungskosten der Kinder überstrapaziert. Da gelingt es immer weniger, auch noch für die ältere Generation zu sorgen. Die Möglichkeiten, dass beide Eltern voll arbeiten, sind eingeschränkt, denn die Kinderbetreuung ist wenig entwickelt.

Gleichzeitig zeigt sich der IMF besorgt, dass zu viele Menschen am Wirtschaftswachstum nicht teilhaben, denn der Graben zwischen regulären und nicht-regulären Angestellten weite sich. Die soziale Schere ist zwar nicht viel weiter geöffnet als im OECD Schnitt. Der Gini-Index liegt bei 0,31. Das Durchschnittseinkommen der reichsten 10% der Bevölkerung ist rund zehnmal höher als das der ärmsten 10%.

Von 1975 bis Mitte der neunziger Jahre blieb der Index praktisch konstant, seither steigt er langsam, aber sicher an, was bedeutet, dass der Reichtum zunehmend ungleicher verteilt ist. Der IMF fordert Südkorea daher auf, die Sozialausgaben − heute die zweitniedrigsten der OECD − schrittweise zu erhöhen. Dank der tiefen Staatsverschuldung habe die Regierung im Moment einigen Spielraum, längerfristig müsse jedoch die Steuerbasis erhöht werden, heisst es beim IMF.

Höhere Sozialausgaben würden nach Ansicht des IMF nicht nur die Sicherheit der Menschen erhöhen, sie könnten auch zum Wirtschaftswachstum beitragen und Jobs generieren. Wenn zum Beispiel mehr Krippenplätze angeboten werden, entstehen einerseits zusätzliche Stellen, die vorwiegend von Frauen besetzt werden. Andererseits können dadurch in anderen Sektoren mehr Frauen Vollzeit arbeiten. Generell sind soziale Dienstleistungen sehr arbeitsintensiv, zusätzliche Ausgaben in diesem Bereich haben daher einen hohen Multiplikatoreneffekt für den Arbeitsmarkt.

http://www.nzz.ch/aktuell/wirtschaft/wirtschaftsnachrichten/das-erfolgsmodell-kommt-in-bedraengnis-1.18111226

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