Wer über die Korruption berichtet, wird automatisch zum Ziel! Indische Journalistin, die die Welt verändern will und Machenschaften gegen die Bürger aufdeckte durch Schüsse lebensgefährlich verletzt! In Hamburg tankt sie auf, um dann in Indien ihre Arbeit fortzusetzen!

Der bleierne Deckmantel der Korruption

KIM SON HOANG, 7. August 2013, 13:43

Die indische Investigativ-Journalistin Tongam Rina wurde durch mehrere Schüsse lebensgefährlich verletzt. Zuvor deckte sie politische Skandale auf – und das will sie auch weiterhin machen

Sie probiert es. Gedämpft und bedächtig. Dann noch einmal. Schließlich lächelt sie entschuldigend und bricht ab. Nein, die Inderin Tongam Rina kann noch nicht über das Ereignis sprechen, das beinahe ihr Leben beendet hätte. Als am 15. Juni 2012 mehrere Männer auf sie feuerten und sie lebensgefährlich an Wirbelsäule und Unterleib verletzten.

Wer hinter diesem Attentat steckt, diese Frage verfolgt Rina seitdem. Die indische Polizei kann darauf immer noch keine Antwort geben. Doch es ist mehr als wahrscheinlich, dass es einen Zusammenhang mit ihrer Arbeit als investigative Journalistin gibt, in der sie staatliche Korruption und Umweltskandale aufdeckte.

Tongam Rina – eine Frau, die für ihre investigative Arbeit fast mit dem Leben bezahlen musste. (Foto: Nitin Sethi)

1979 geboren, verbrachte Rina eine behütete Kindheit. Schon früh wollte sie Journalistin werden, verrät sie im Gespräch mit derStandard.at: “Ich wollte die Welt verändern. Ich wollte so viele Skandale wie möglich aufdecken.” Sie lacht, wenn sie das sagt. Dabei hat sie Teil zwei ihres Unterfangens schon längst umgesetzt.

“The Arunachal Times” heißt die Zeitung, die ab 2003 Rinas berufliche Heimat werden sollte. Ein vergleichsweise kleines Blatt mit Sitz in Itanagar, der Haupstadt des nordöstlichen Bundesstaates Arunachal Pradesh. Dort, wo einiges falsch läuft. Und diese Missstände sorgten für eine unfreiwillige Horizonterweiterung bei Rina: “Ich kannte all diese Probleme vorher nicht. Das hat mich schockiert, als ich davon erfuhr. Da dachte ich mir, dass ich darüber schreibe. Um dem Land zu helfen. Und vor allem der Bevölkerung.”

Arunachal Pradesh, der nordöstlichste Bundesstaat Indiens:
Größere Kartenansicht

Diese Probleme, damit sind vor allem staatliche Korruption und Umweltskandale gemeint. Und Rina setzte sich daran, sie aufzudecken. Ein Beispiel: Dank indischer Sozialprogramme sollten Lebensmittellieferungen die ärmsten Teile der Bevölkerung ernähren. Ein Konvolut aus Politikern, Beamten und Unternehmern sorgte aber dafür, dass die Lieferungen nicht ihren Zweck erfüllten, sondern stattdessen auf dem Schwarzmarkt landeten. Dass die involvierten Personen dabei mitverdient haben, versteht sich von selbst.

Rina brachte auch Missstände rund um die Errichtung großer Staudämme in Arunachal Pradesh und dem südlichen Bundesstaatsnachbarn Assam ans Tageslicht: “Die Regierung schaut nur darauf, wie viel Strom welcher Fluss produzieren kann. Sie ignoriert völlig, welche Auswirkungen das auf die Umwelt hat oder dass viele Menschen dadurch ihr Zuhause verlieren.” Und natürlich hat auch hier Korruption eine elementare Rolle gespielt.

Die Konsequenzen von Rinas investigativer Arbeit sind bislang allerdings überschaubar. Die Justiz führte zwar Prozesse gegen Beteiligte des Lebensmittelskandals, Verurteilungen lassen aber weiter auf sich warten. Auch in Sachen Staudammprojekte ließ sich die Regierung trotz der Enthüllungen und darauffolgenden Massenproteste nicht von der Umsetzung abhalten. Mittlerweile, sagt Rina, “ist kein Fluss mehr da, der nicht verbaut wurde”.

14. Juli 2010: Tausende Inder protestieren gegen den Bau eines Großdamms im Grenzgebiet zwischen den beiden indischen Bundesstaaten Arunachal Pradesh und Assam. Ohne Erfolg. (Foto: EPA)

Die Auswirkungen auf Rina selbst sind hingegen drastisch. Ab 2007 erhielt sie Drohungen. Telefonisch, schriftlich, Einschüchterungsversuche à la “Wo immer du hingehst, wir beobachten dich”. Mehrere Male, erzählt Rina, lag eine Schusswaffe auf ihrem Schreibtisch. Es waren keine leeren Drohungen, wie sich am 15. Juni 2012 herausstellen sollte.

Solidarität mit Tongam Rina

Um 18.16 Uhr an einem sommerlichen Freitagabend will Rina in Itanagar das Büro der “Arunachal Times” betreten. Dazu kommt sie nicht mehr. Aus kurzer Distanz schießen ihr unbekannte Täter in Rücken und Unterleib. Die Rettung bringt Rina sofort ins Krankenhaus, dort wird ihr eine lebensrettende Behandlung zuteil, die in Europa üblich, in Arunachal Pradesh hingegen eine Ausnahme ist. Der Gouverneur des Bundesstaates persönlich, Joginder Jaswant Singh, drückt sein Bedauern aus und ist bei der medizinischen Betreuung eine große Hilfe, wie Rina sagt. In der Bevölkerung setzt eine große Solidaritätswelle ein, nicht nur in Arunachal Pradesh, auch in anderen Bundesstaaten Indiens finden Großdemonstrationen statt.

Nun, mehr als ein Jahr später, lebt Rina in Hamburg. Die Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte hat sie für ein Jahr nach Deutschland eingeladen. Dort soll sie sich ausruhen, dort soll sie weiter medizinisch behandelt werden. Denn vollkommen gesund ist sie noch nicht. “Ich habe kleine Probleme mit meiner Mobilität. Mit meinem Rücken, meinen Beinen. Aber ansonsten geht es mir gut”, sagt Rina. Weitere Details verschweigt sie.

In Hamburg, sagt Rina, genießt sie es, “in Ruhe außer Haus gehen zu können, ohne angegriffen zu werden”. In Arunachal Pradesh wäre das trotz aller Solidarität auch heute noch nicht möglich. “Meinen Kollegen geht es seit dem Attentat nicht besser. Zwar haben die Behörden die Sicherheitsmaßnahmen verbessert, trotzdem wurden zwei meiner Kollegen verprügelt. Die Korruption ist weiterhin stark verbreitet. Und wenn man darüber berichtet, wird man automatisch das Ziel vieler Leute.”

Drei Verdächtige gefasst: “Ich glaube nicht, dass es die Täter sind”

Welche Leute nun genau hinter dem Attentat auf Tongam Rina stehen, ist auch knapp 14 Monate später ein Rätsel. Vor wenigen Wochen nahm die indische Polizei drei Verdächtige fest, doch davon verspricht sich das Opfer nicht viel: “Ich glaube nicht, dass es die Täter sind. Selbst wenn, dann wurden sie vermutlich dafür bezahlt. Und wir werden nicht erfahren, wer tatsächlich dahintersteckt.” Der Kreis der Verdächtigen ist groß. Und die Ermittler bemühen sich nicht unbedingt um rasche Aufklärung.

Die gefährliche Situation von Journalisten in Arunachal Pradesh steht stellvertretend für den allgemeinen Zustand des indischen Bundesstaates. Es herrscht ein Mangel an Sicherheit, an Bildung, an Grundversorgung, zusammengefasst ein Mangel an Staatsführung und Infrastruktur. Das liegt vor allem daran, dass Arunachal Pradesh einen unfreiwilligen Sonderstatus genießt. Indien und China streiten seit Jahrzehnten um den rund 90.000 Quadratkilometer großen Bundesstaat. Im indisch-chinesischen Grenzkrieg 1962 marschierten chinesische Truppen sogar bis nach Assam vor. Zwar zogen sie sich nach wenigen Wochen wieder zurück, allerdings hat Peking seine Gebietsansprüche, die darauf zurückzuführen sind, dass Arunachal Pradesh einst von Tibet regiert wurde, nie aufgegeben.

Die Line of Actual Control (LAC) zwischen dem indischen Arunachal Pradesh und dem chinesischen Tibet. Teil dieser Grenze ist ein Felsen, der den Namen Rock of Peace trägt. (Foto: EPA)

Die prekäre Situation von Arunachal Pradesh führte dazu, dass Indien die Region wie ein unerwünschtes Stiefkind behandelt. Erst 1975 machte Neu-Delhi das Grenzgebiet zu einem indischen Bundesstaat. Die Sonderbehandlung ist aber geblieben. Ein Beispiel: Indien fordert für die Einreise nach Arunachal Pradesh eine Sondergenehmigung. Sowohl für Ausländer als auch für ortsfremde Inder.

Der Mangel an staatlicher Autorität wie in Arunachal Pradesh ist in der Regel ein idealer Nährboden für Rebellen. In diesem Fall ist es der Nationale Sozialistische Rat von Nagaland (NSCN), der die Macht immer mehr an sich reißt. Das sind Extremisten vom Bergvolk der Naga, die auf ihrem ehemaligen Stammesgebiet, das Nordostindien und Teile Burmas umfasst, einen unabhängigen Staat namens “Groß-Nagaland” etablieren wollen. Die Arbeitslosigkeit ist in Arunachal Pradesh vor allem bei jungen Menschen hoch, sie laufen mangels Zukunftsaussichten den Rebellen zu. Und sie schrecken auch vor Gewalt nicht zurück und tragen dadurch ihren Teil zur instabilen Lage in Arunachal Pradesh bei.

Rückkehr nach Arunachal Pradesh geplant

Korruption, Attentate, extremistische Rebellen: Auch zehn Jahre nach dem Beginn von Tongam Rinas journalistischer Karriere hat sich in Arunachal Pradesh nicht viel geändert. Trotzdem will sie nach ihrer einjährigen Auszeit in Hamburg in ihre Heimat zurückkehren und die Arbeit fortsetzen. Dauerhaft auszuwandern, so wie es viele andere junge Menschen aus ihrem Bundesstaat bereits gemacht haben, kommt ihr nicht in den Sinn: “Ich könnte nicht mehr in den Spiegel schauen, wenn ich die Arbeit auf halbem Weg niederlegen würde, weil mich jemand umbringen wollte. Es gibt noch zu viele Probleme, über die berichtet werden muss.” (Kim Son Hoang, derStandard.at, 7.8.2013)

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