Namibia tilgt deutsche Kolonialnamen! Die krasseste Zerschneidung Afrikas aber bleibt bestehen! Aus der Zeit, als Deutschlands Regierung mit Englands Regierung Helgoland für afrikanische Regionen tauschte!

Umbenennung in Nordnamibia

Der «Caprivi-Streifen» wird abgeschafft

Auslandnachrichten Heute, 06:00
Eine Elefantenherde im Bwabwata-Nationalpark, der sich im ostnamibischen «Caprivi-Streifen» befindet.
Eine Elefantenherde im Bwabwata-Nationalpark, der sich im ostnamibischen «Caprivi-Streifen» befindet.(Bild: Christian Heeb / laif)
Mit einem Federstrich hat die namibische Regierung die Bezeichnung «Caprivi» für eine Verwaltungsregion getilgt. Der Name erinnerte an einen skurrilen deutsch-britischen Gebietsaustausch im 19. Jahrhundert.
Markus M. Haefliger, Nairobi

Der namibische Präsident Pohamba hat am Donnerstag mehrere Empfehlungen der nationalen Wahlkommission für verbindlich erklärt. Prominentestes Opfer der Massnahme, zumindest aus der Sicht von Reisenden, Geografen und Historikern, ist die Bezeichnung «Caprivi» für die touristisch attraktive Region im äussersten Nordosten des Landes. Sie soll stattdessen Sambesi heissen, also gleich wie der Grenzfluss zu Sambia im Norden des Abschnitts.

Tilgung der Vergangenheit

Die Umbenennung war Teil einer Arrondierung administrativer Regionen und Wahlkreise im Hinblick auf Neuwahlen in einem halben Jahr. Aber es war natürlich kein Zufall, dass ausgerechnet das Wort Caprivi aus dem amtlichen Vokabular gestrichen wurde. Die Bezeichnung verwies auf Graf Georg Leo von Caprivi, den Nachfolger Bismarcks als deutscher Reichskanzler zwischen 1890 und 1894. Er hatte mit Grossbritannien einen Gebietsaustausch vereinbart, bei dem der Caprivi-Streifen (auch Caprivi-Zipfel genannt), die auffälligste Anomalie auf der politischen Landkarte des afrikanischen Kontinents, geschaffen wurde.

Die Abschaffung von Bezeichnungen, die an rassistische deutsche Kolonialisten erinnerten, sei überfällig gewesen, gab die Leiterin der Wahlkommission gegenüber der Tageszeitung «The Namibian» zu verstehen. Neben Caprivi wurden weitere Bezeichnungen abgeschafft; so heisst Lüderitz, eine kleine, verblichene Hafenstadt, die während der deutschen Kolonialzeit nach einem Bremer Grosskaufmann getauft worden war, neuerdings !Nami=Nüs. Das ist kein Druckfehler, sondern die namibische Schreibweise für Worte in der Sprache der indigenen Buschmänner und ihrer Klicklaute.

(NZZ-Infografik / tcf.)

Als augenfällige kartografische Ausbuchtung bleibt der Caprivi-Streifen freilich bestehen, und vermutlich werden ihn Touristen, die ihn zahlreich besuchen, noch lange so nennen. Der Abschnitt ist 450 Kilometer lang und stellenweise bloss 30 Kilometer breit. Weil er zwischen dem Binnendelta des Okavango und dem mächtigen Sambesi liegt, herrscht in dem Gebiet ein subtropisches Klima, das sich von den Steppen und Wüsten des übrigen Namibia abhebt. In den 1990er Jahren hatten sich unter den Mafwe, einer Volksgruppe im Osten des Streifens, separatistische Tendenzen breitgemacht und zur Gründung der Caprivi Liberation Army geführt. Die Rebellion wurde niedergeschlagen, aber der Hochverratsprozess gegen die Rädelsführer ist noch immer nicht abgeschlossen. Wollte die Regierung in Windhoek mit der Umbenennung auch ein bisschen den Aufständischen und ihren möglichen Nachahmern den Namen stehlen?

Deutsch-britischer Poker

Die alte Bezeichnung führt historisch geradewegs zum Gedrängel um Afrika unter den europäischen Staaten gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Bismarck war deutschen Kolonien auf dem Kontinent lange abgeneigt gewesen, aber unter dem Druck einer Lobby aus Handels- und Schifffahrtsvertretern änderte er 1884 die Meinung. Er erlaubte Adolf Lüderitz, dem genannten Gründer eines Handelskontors am Südatlantik, das Hissen der deutschen Fahne. Aus dem Schutzanspruch entstand Deutsch-Südwestafrika. Auch entlang der west- und der ostafrikanischen Küste verfolgte Berlin von nun an aggressiv Gebietsansprüche, aus denen Kolonien im heutigen Togo, Kamerun und in Tansania entstanden, die bis zur Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg Bestand hatten.

In Ostafrika lieferten sich Bismarck und sein Nachfolger Caprivi freilich auch ein reines Scheingefecht mit Grossbritannien. Sie meldeten Ansprüche an der heutigen Nordküste Kenyas und im Gebiet der Grossen Seen an, mit dem Ziel, London zur Aufgabe der damals britischen Insel Helgoland in der Nordsee zu bewegen. Deutschland befürchtete eine britische Kronkolonie wie Gibraltar oder Malta, welche die Schifffahrtswege nach Bremen und Hamburg hätte beherrschen können. Als London auf den Poker einging und im Austausch für Helgoland ein britisches Protektorat über das Tansania vorgelagerte Sansibar sowie die Aufgabe aller deutschen Ansprüche in Kenya und westlich des Malawisees forderte, willigte Caprivi ein.

Eine kleine Geste

Aber der Kanzler bat um einen kleinen Zusatz zu dem aus deutscher Sicht grosszügigen Austausch, eine britische Geste gewissermassen. Sie sollte in einem Landstreifen liegen, der Deutsch-Südwestafrika mit dem Lauf des Sambesi und damit mit dem Indischen Ozean und den Gewässern bei Deutsch-Ostafrika (dem heutigen Tansania) verband. Salisbury willigte ein – so entstand der Caprivi- oder neu: der Sambesi-Streifen.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/auslandnachrichten/der-caprivi-streifen-wird-abgeschafft-1.18131246

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