Wunsch und Wirklichkeit zu Albert Schweizers Jubiläum: Gabun, eines der rohstoffreichsten Länder Afrikas, der fünftgrösste Ölförderer des Kontinents, mit einem der höchsten Pro-Kopf-Einkommen; aber 80 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze, über 90 Prozent des Bruttoinlandprodukts werden von nur 10 Prozent der Bevölkerung verbraucht.

Gabon – Wunsch und Wirklichkeit

Leere Spitäler, holzlose Sägereien und Phantomangestellte

Auslandnachrichten Samstag, 10. August, 10:00
Müllsammler am Stadtrand von Libreville.
Müllsammler am Stadtrand von Libreville. (Bild: Jiro Ose / Redux / laif)
Gabon ist reich an Erdöl und Tropenholz. Der Ertrag kam vor allem Präsident Omar Bongo zugute. Sein Sohn Ali Bongo hat eine neue Ära ausgerufen. Hinter den Fassaden bleibt der Alltag jedoch erbärmlich.
David Signer, Libreville

Vor hundert Jahren legte Albert Schweitzer mit seiner Frau, siebzig Koffern und einem Klavier im Urwalddorf Lambarene an, gründete ein Spital und wurde weltberühmt. Anlässlich des Jubiläums lud der Präsident von Gabon, Ali Bongo, 200 renommierte Mediziner ein, unter ihnen mehrere Nobelpreisträger, sowie einige Journalisten, beherbergte sie in einem gediegenen Hotel, zeigte ihnen die Errungenschaften seiner Regentschaft und verkündete die Stiftung eines Schweitzer-Preises.

Telemedizin und Champagner

Ali Bongo ist zwar klein, aber er liebt grosse Gesten. Die berühmten Mediziner aus aller Welt wurden mit einer Militärmaschine von der Hauptstadt Libreville nach Lambarene zur Spitalbesichtigung geflogen. Alles frisch gestrichen, sauber, mit modernem Hightech-Gerät und Ärzten mit blendend weissen Kitteln. In einem Operationssaal wurde die Videokamera vorgeführt, die jeden Skalpellschnitt direkt zum Spezialistenteam in der Hauptstadt überträgt. Telemedizin. Irritierend war bloss, dass in diesem Musterkrankenhaus kein einziger Patient zu sehen war. Die Eröffnung stehe unmittelbar bevor, beschied man den Besuchern.

Dann wurde zum Imbiss in den Präsidentenpalast in Lambarene geladen. Lachs, Carpaccio, Sushi, gefüllte Krabben, Tatar, Champagner. Gabon hat den dritthöchsten Champagner-Verbrauch des Kontinents. Das Dessertbuffet sah aus wie die Auslage von Sprüngli am Paradeplatz. Luxemburgerli im Dschungel. Zur Abschiedsgala in seinem Palast in Libreville lud Bongo die Londoner Philharmoniker ein. Gabon ist ein seltsames Land. Es ist zugleich sehr arm und sehr reich: eines der rohstoffreichsten Länder Afrikas, der fünftgrösste Ölförderer des Kontinents, mit einem der höchsten Pro-Kopf-Einkommen; aber 80 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze, über 90 Prozent des Bruttoinlandprodukts werden von nur 10 Prozent der Bevölkerung verbraucht. Das Land ist halb so gross wie Frankreich, die Bevölkerung beträgt jedoch lediglich eineinhalb Millionen, von denen die Hälfte in der Hauptstadt Libreville lebt. Der grösste Teil des Landes besteht aus undurchdringlichem Urwald.

Potemkinsche VIP-Zimmer

Ali Bongo hat von seinem Vater und Vorgänger Omar Bongo ein Milliardenvermögen geerbt. Allein in Frankreich besitzt er dreissig Unterkünfte, unter anderem ein 120 Millionen Franken teures Domizil in Paris. Man würde annehmen, es sollte bei den immensen Öleinnahmen nicht allzu schwierig sein, den anderthalb Millionen Gabonesen ein anständiges Leben zu bieten. Aber auf dem Human-Development-Index befindet sich Gabon auf dem 119. Platz von 177 Ländern, und die Analphabetenrate beträgt rund 30 Prozent. Ein Armenviertel wie Kinguele in Libreville, mit seinen windschiefen Bretterbuden und stinkigen Tümpeln, ist so arm, chaotisch und gefährlich, dass sich nachts nicht einmal die Polizei hineingetraut.

Die meisten Gabonesen leben in Armut, obwohl das Land mit Ressourcen gesegnet ist. Der grösste Teil des Landes ist von Urwald bedeckt.

Die Spaltung zwischen Möglichkeitsform und Realität zieht sich durch das Land. Während zweier Tage halten die Experten Vorträge mit imposanten Titeln wie «Imaginer un nouveau modèle de gouvernance» oder «E-Santé et enregistrement médical électronique».

Dazwischen kann das Militärspital von Libreville besichtigt werden. Dort führt man dasselbe Schattenspiel auf wie in Lambarene. Ärzte und Krankenschwestern in schicken Uniformen mit Epauletten und Orden demonstrieren die neuesten medizinischen Apparate, die jedoch allesamt aussehen, als ob sie noch nie benutzt worden wären. Die Matratzen sind noch plastifiziert, und Patienten sind weit und breit nicht zu sehen. «Weil es Sonntag ist», erklärt das hilfsbereite Personal. Es gibt VIP-Krankenzimmer mit Empfangsraum. Dort kann die Sekretärin hinter dem Pult mit frischen Blumen sitzen und allfällige Besucher standesgemäss hereinbitten oder abwimmeln. Aber nicht einmal diese Suiten sind besetzt. Eine Potemkinsche Kulissenschieberei. Später ist von einem Mediziner zu vernehmen, der hochgepriesene Angiografie-Raum sei all die Jahre seit seiner Einweihung nur einige wenige Male benutzt worden. Ganz einfach, weil niemand die Hightech-Geräte bedienen oder gar warten kann. Auch das Gespräch mit dem gabonesischen Medizinstudenten Thomas hilft, die Propaganda zurechtzurücken. Er habe sein Studium mit Idealismus begonnen, sagt der junge Mann. Jetzt, im fünften Semester an der Universität von Libreville, sei er desillusioniert und frage sich, ob er nicht doch hätte Petrochemie studieren sollen. Seine ehemaligen Klassenkameraden, die den «Weg des Öls» einschlugen, führen alle mit Geländewagen herum und würdigten ihn keines Blickes mehr, sagt er. Die Ärzte in den Spitälern und die Professoren an der Universität seien oft abwesend. Schlecht bezahlt und unmotiviert, gehen sie Nebenjobs nach. Gegenwärtig streiken sie seit drei Monaten. «Ärzteschaft, Regierung und Militär sind hoffnungslos verfilzt», sagt der Student. «Alles ist politisch.» Oft würden Posten an Funktionärssöhne vergeben, auch wenn diese nicht qualifiziert seien. «Omar und Ali Bongo haben es schliesslich vorgemacht.» Er spricht auch vom Phänomen der Phantomangestellten: Beamte, die zwar Lohn beziehen, aber nie in ihrem Büro auftauchen.

Wenigstens war er schon reich

2009 starb Omar Bongo, nachdem er Gabon 41 Jahre lang regiert hatte. In einer seltsamen Mischung aus monarchischer Erbfolge und Demokratie wurde kurz darauf sein Sohn Ali «gewählt». Es kam zu Unruhen, die jedoch bald verebbten. «Wir rechneten mit einer Katastrophe», sagt Thomas. «Der einzige Vorteil war, dass Ali Bongo schon reich war. Ein anderer hätte mit der Ausbeutung von vorne begonnen.»

(NZZ-Infografik / efl.)

Für Hoffnung sorgte auch, dass sich Ali von seinem übermächtigen Vater abgrenzen will. Er hat angekündigt, die Wirtschaft zu diversifizieren, um der Abhängigkeit vom Öl zu entkommen. Er möchte zum Vorreiter von Ökologie und Nachhaltigkeit werden und sein Land zu einem Zentrum der Tropenmedizin machen. Sogar der skeptische Thomas attestiert dem 54-jährigen Präsidenten zumindest guten Willen. Aber passiert sei bis jetzt wenig. Manche machen neokoloniale Bremsmanöver aus Paris für das Stocken der Reformen verantwortlich, manche das alte gabonesische Establishment, manche die Mentalität des Volkes, für das Modernisierung, Unternehmertum und Eigeninitiative nach Jahrzehnten des Paternalismus Fremdwörter sind. «Ein Finger allein kann das Gesicht nicht waschen, auch wenn er will», sagt Thomas.

Vielleicht ist das Gabon der schönen Fassaden auch dasjenige, das Ali Bongo zu sehen bekommt, wenn er von Fanfaren begleitet über den roten Teppich schreitet und neue Gebäude einweiht. Seine Anhänger sagen gerne, seine Entourage, die ihn von allem Negativen abschotte, sei schuld an der Stagnation. Kürzlich war laut Thomas Bongos Frau im Universitätsspital und erhaschte «aus Versehen» einen Blick in ein normales Zimmer in der Maternité. Sie sah Frauen, die nach der Geburt mangels Betten auf Strohmatten lagen. Entsetzt berichtete sie ihrem Mann davon, der daraufhin das Gebäude erneuerte. Der Rest des Spitals sei jedoch immer noch im gleichen miserablen Zustand, so Thomas.

Die Firma Pogab ist ein Musterbeispiel für Bongos neues Gabon. Er entschied nämlich, dass keine Baumstämme mehr exportiert werden dürfen. Stattdessen wird das Holz nun in Unternehmen wie Pogab im Lande selbst verarbeitet. Gabon soll sich vom Rohstofflieferanten zum Verarbeiter entwickeln. Der Ansatz ist gut; das Problem ist nur, dass Bongo die Ausfuhr verbot, bevor die Verarbeitung richtig startete. So wurde alles blockiert. Tatsächlich ähnelt das Pogab-Sägewerk den Spitälern: Es sieht aus wie nach dem Abwurf einer Neutronenbombe, die die Infrastruktur intakt liess, aber alles Leben auslöschte. Zwar stehen in der riesigen Halle imposante Maschinen, deren Funktionsweise der Vorarbeiter begeistert erklärt. Allein, es ist totenstill, und es gibt weder Arbeiter noch Baumstämme. Nur etwas Sägemehl auf dem Boden zeugt von vergangenen Aktivitäten. Der Chef murmelt etwas von Eisenbahnerstreik und einer entzogenen Lizenz und verweist die Besucher an die Société Nationale du Bois de Gabon. Seit zwei Jahren verarbeiten dort angeblich 200 Angestellte Baumstämme zu Furnier und Sperrholz. Aber wieder herrscht an diesem Dienstagnachmittag gespenstische Leere. Immerhin ist die Erklärung dieses Mal einfacher: Man arbeite eben nur bis 15 Uhr 30.

Hypothetische Tiere

Bombastisch klingt das Projekt «Zone Economique Spéciale» in Nkok, 27 Kilometer von Libreville. Auf über tausend Hektaren soll hier eine Wirtschaftswunderzone aus dem Boden gestampft werden mit Industriebetrieben, Häusern, Shoppingmalls, Ausbildungszentren, Parks. Das Projekt wurde 2010 gestartet. Ein Prachtboulevard führt zum Empfangsgebäude. Dort demonstriert eine dynamische Angestellte am elektronisch gesteuerten Modell, wie die Musterstadt in wenigen Jahren aussehen wird. Ein Paradies auf Erden. Wäre es wohl möglich, eine der offenbar bereits installierten Firmen zu besichtigen? Es stellt sich heraus, dass erst eine kleine Schreinerei in Betrieb ist. Eine Besichtigung lohne sich nicht.

Im Rahmen der Diversifizierung soll auch der Tourismus gefördert werden. Also auf zur Besichtigung des Nationalparks Pongara mit Elefanten, Büffeln, Nilpferden und Riesenschildkröten. Leider sind ausser ein paar Moskitos keine Tiere zu sehen. Für die Schildkröten ist es zu spät, für die Wale zu früh.

Vielleicht hebt Gabon bald ab wie eine Rakete. Die Voraussetzungen wären da. Bis jetzt jedoch ist das Land lediglich ein frappantes Beispiel für die Diskrepanz zwischen hochfliegenden Prestigeprojekten und armseligem Alltag; oder für die Verblendung der Macht und den Triumph des Wunschdenkens über die Wirklichkeit.

Albert Schweitzer in Lambarene

Obwohl Albert Schweitzer öfters wegen seiner kolonialistischen Allüren kritisiert wurde, ist er für Gabons Präsident Bongo doch offenbar ein «brand», der gepflegt wird. Vor genau hundert Jahren gründete Albert Schweitzer sein Urwaldspital in Lambarene, das heute noch existiert. Schweitzer wurde 1875 im damals deutschen Kaysersberg im Elsass geboren. Er studierte Orgel in Paris, erwarb erst einen Doktor in Philosophie, dann in Theologie, publizierte eine Bach-Biografie und ein Werk zur Leben-Jesu-Forschung. Im Alter von dreissig Jahren entschied er sich, Arzt in Afrika zu werden, und studierte Medizin. Einen Monat nach der Promotion machte er sich auf in Richtung Gabon, wo er im April 1913 in Lambarene eintraf. Zusammen mit seiner Frau Helene Bresslau baute er dort das erste Spital. Ab 1915 entwickelte er seine Philosophie über die «Ehrfurcht vor dem Leben». 1917 wurde das Ehepaar Schweitzer – als gebürtige Deutsche – als Internierte nach Frankreich übergeführt. Nach dem Ersten Weltkrieg gab er zahlreiche Konzerte und Vorträge in mehreren europäischen Ländern. Dank den Erträgen konnte er 1924 nach Lambarene zurückkehren und ein neues Spital errichten. In den folgenden Jahren lebte er teils in Gabon, teils in Europa, wo er Geld für sein Projekt sammelte. 1953 erhielt er den Friedensnobelpreis. Helene Bresslau starb 1957, Albert Schweitzer 1965 im Alter von 90 Jahren in Lambarene, wo er zusammen mit seiner Frau begraben liegt. Damals war Schweitzer ein Star; aber für die Jüngeren von heute ist er ein Unbekannter, und seine Bücher findet man nur noch im Brockenhaus.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/auslandnachrichten/leere-spitaeler-holzlose-saegereien-und-phantomangestellte-1.18130430

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