So geht es auch: Romadorf in selbstorganisierter Harmonie! Das Projekt Romano Kher strahlt von Nordslowenien erfolgreich ins ganze Land aus!

Romasiedlung Pušča: “Das hier ist das einzige Romadorf Europas”

13. August 2013, 05:30
  • Die einzige "Baracke" von Pušča ist das Replikat eines historischen Hauses. Sie erinnert, wie die Steintafel auf dem Bild unten, an die Gründung der Siedlung 1911.
  • foto: standard/schmidt

    Die einzige “Baracke” von Pušča ist das Replikat eines historischen Hauses. Sie erinnert, wie die Steintafel auf dem Bild unten, an die Gründung der Siedlung 1911.

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    foto: standard/schmidt
  • Kinder und Erwachsene bereiteten sich 2011 im Gemeindezentrum (unten) auf die 100-Jahr-Feier ihres Dorfes vor.
    foto: romano kher

    Kinder und Erwachsene bereiteten sich 2011 im Gemeindezentrum (unten) auf die 100-Jahr-Feier ihres Dorfes vor.

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    foto: standard/schmidt
  • Ortschef Ignac Horvat vor dem Gemeindezentrum.
    foto: standard/schmidt

    Ortschef Ignac Horvat vor dem Gemeindezentrum.

In der slowenischen Romasiedlung Pušča geben sich Politiker, Menschenrechtsexperten und Polizisten die Klinke in die Hand, um zu lernen, warum im “Dorf der Harmonie” vieles so gut funktioniert

Murska Sobota – Das Dorf Pušča bei Murska Sobota in Nordslowenien ist nur wenige Kilometer von der österreichischen und von der ungarischen Grenze entfernt. Es gilt heute als größte Romasiedlung Sloweniens. Wer schon andere Romadörfer in Europa besucht hat, kommt mit ganz anderen Bildern im Kopf hierher.

Es ist einer der heißesten Tage dieses Sommers, und obwohl hier über 600 Menschen leben, ist es in den Straßen zwischen den Einfamilienhäusern – viele von ihnen in bunten Farben frisch verputzt, einige im Rohbau – relativ ruhig. Ein Fußballplatz, ein moderner Kindergarten mit bunten Spielgeräten im Garten und eine gepflegte Allee, deren Bäume Ehrengäste von Pušča gesetzt haben, sind das Erste, das man bei der Einfahrt in die Siedlung erblickt. Eine Gemeinde wie jede andere, scheint es.

Jožef-Toni Horvat vom Regionalentwicklungsprojekt Romano Kher, selbst Rom und Gemeinderat in seiner Heimatgemeinde Cankova, führt uns zum neuen Gemeindezen­trum von Pušča, um den Ortschef Ignac Horvat zu treffen. Nein, sie seien nicht verwandt, lacht Jožef-Toni Horvat, hier heißen fast alle Horvat. Er klopft dem väterlichen Freund Ignac Horvat auf die Schulter und sagt: “Nazi ist eine Autorität im Dorf und arbeitet überall mit, obwohl seine Frau sagt, zu Hause schlägt er nicht einmal einen Nagel in die Wand.” Nazi?! “Ach so, nein, nicht Nazi”, erklärt Jožef-Toni Horvat die gewöhnungsbedürftige Abkürzung von Ignac. Er ist verwundert, dass man das falsch hören kann. “Nahhhci!”, wiederholt er, mit einer Reihe von stummen Hs, die er in die Luft zeichnet.

Dann schließt Ignac Horvat das angenehm kühle Gemeindezen­trum, eine Art Mehrzweckhalle mit Büro, auf. Die Wände sind voll mit hunderten Fotos, die dokumentieren, dass hier in den letzten Jahren viel gefeiert wurde: 100 Jahre Pušča, 40 Jahre Kindergarten und schließlich zehn Jahre als eigenständige Ortschaft.

Lückenloses Netz

Denn obwohl sich Pušča als eigene Gemeinschaft fühlte, war man immer Teil anderer Gemeinden, bis man vor etwa zehn Jahren eigenständig wurde. “Seitdem ist das hier das einzige Romadorf Europas”, versucht Jožef-Toni Horvat zu erklären, was dieser Schritt in die Selbstständigkeit bedeutet hat. Seit Jahren arbeitet man mit dem EU-subventionierten Romano Kher (“Roma-Haus”), dessen Büro sich wenige Autominuten entfernt in Murska Sobota befindet, intensiv an der Infrastruktur des Dorfes. Die Kanalisation befindet sich in der Ausbauphase zwei, bald ist das Netz lückenlos.

Auf einigen der vielen Fotos an der Wand, auf denen Minister und andere prominente Besucher zu sehen sind, ziehen Gruppen von Uniformierten durch Pušča. “Das war im Vorjahr”, sagt Ignac Horvat, “da waren hunderte Polizisten bei uns.” Warum? Jožef-Toni Horvat, der im Gegensatz zum Ortschef fließend Deutsch spricht, antwortet: “Sie wollen wissen, warum bei uns keine Scheiße passiert. Das sollen Polizisten hier lernen.” Doch was genau das Geheimnis von Pušča ist, warum hier Analphabetismus, Arbeitslosigkeit oder Kriminalität keine bemerkenswerten Themen sind, darauf wissen die zwei Horvats keine spontane Antwort. Es läuft gut. Darauf ist man stolz.

Erfolgsstory Kindergarten

Eine eigene Erfolgsstory ist der Kindergarten von Pušča. Er hat einen so guten Ruf, dass auch Nicht-Roma aus den Nachbargemeinden ihre Kinder herbringen. Ein Drittel der Kinder stamme nicht aus Romafamilien, erzählt Jožef-Toni Horvat. Nachsatz: “Montessori ist einfach gut.”

Unweit des dunkelrot verputzen Gemeindezentrums steht eine archaische Baracke aus Lehm und Holz, die dem Klischee der ärmlichen Romasiedlung, das in vielen Ländern erfüllt wird, näherkommt. Doch niemand wohnt hier. Das Häuschen ist ein Replikat des ersten Hauses von Pušča von 1911. Liebevoll rekonstruiert wie für ein Freilichtmuseum.

In Pušča sei noch nicht alles ideal, sagte die slowenische Bürgerbeauftragte für Menschenrechte, Zdenka Čebašek Travnik, bei der 100-Jahr-Feier des “Dorfes der Harmonie”, wie Pušča auch genannt wird – aber man könnte es sich zum Vorbild nehmen. (Colette M. Schmidt /DER STANDARD, 13.8.2013)

http://derstandard.at/1375626375979/Romasiedlung-Pusca-Das-hier-ist-das-einzige-Romadorf-Europas

Bildung, Arbeit und Selbstermächtigung

13. August 2013, 05:30

Das Projekt Romano Kher strahlt von Nordslowenien erfolgreich ins ganze Land aus

Murska Sobota – Laut dem slowenischen Innenministerium leben in Slowenien rund 6400 Roma. Teilweise wohnten sie auf dem Gebiet des heutigen Slowenien schon im 15. Jahrhundert, doch ab dem 17. Jahrhundert werden die historischen Quellen durch Geburtsregister oder Taufregister dichter. Die Vorfahren jener Roma, die heute in Slowenien leben, kamen aus Ungarn und Kroatien, zudem kamen Sinti aus Österreich.

Gesetzlich versuchte der junge Staat, die Rechte der Roma ähnlich in der Verfassung zu sichern wie jene anderer Minderheiten, etwa der Italiener. Real sei aber noch viel zu tun, kritisieren Roma-Vertreter. Wesentlich sei neben Bildung, dass man auch politisch selbst aktiv sei. Mittlerweile gibt es allein um Murska Sobota in 20 Orten Roma als Gemeinderäte.

Wichtige Arbeit auf diesem Gebiet leistet seit 2010 das Projekt Romano Kher, das vom Staat und der EU bis 2014 finanziert wird. Pušča ist nur ein Ort von vielen in Nordslowenien, wo Romano Kher aktiv ist.

Das Leben der Roma habe sich in den letzten drei Jahren, seit dem Start von Romano Kher, noch nicht immens verändert, sagt Projektleiter Romeo Varga, “es geht stückweise voran”. Im Projektbüro in Murska Sobota schuf man fünf Arbeitsplätze. Man betreibt ein Infozentrum und organisiert Konferenzen. Vor kurzem etwa eine Gedenkveranstaltung zum Völkermord an Roma während der NS-Diktatur – einer Zeit, die man auf Romanes Porajmos (das Verschlingen) nennt. Mitte September lädt Romano Kher Roma aus ganz Europa zu einer Tagung.

Erfolge verzeichnet man vor allem bei den Kindern. “Sie hatten in der Schule Probleme”, erzählt Varga. Anders als im Vorzeigedorf Pušča besuchten sie meist keinen Kindergarten. “Dann kamen sie in die Schule, konnten zwar zu 99 Prozent fließend Slowenisch, doch es fehlten Grundlagen.” Man entwickelte die Idee der Roma-Assistenten, speziell ausgebildeter Roma, die Schulkindern helfen.

Wirkung in der Schule

Das zeigte Wirkung: “Die Noten sind besser, sie schließen die Schule öfter ab und leihen sich öfter Bücher aus”, so Varga. Das Bildungsministerium übernahm die Idee kürzlich für ganz Slowenien.

Bei der Integration in den Arbeitsmarkt arbeite man “mit beiden Seiten”, betont Varga. Habe man einen Arbeitgeber erst überredet, einen Rom einzustellen, und macht er gute Erfahrungen, laufe die Sache. Auf der anderen Seite müsse man Roma oft kulturelle Unterschiede erklären: “Etwa, dass es bei anderen Slowenen nicht als unhöflich gilt, wenn einen nicht die gesamte Familie bei der Arbeit besucht.” (cms/DER STANDARD, 13.8.2013)

http://derstandard.at/1375626375384/Bildung-Arbeit-und-Selbstermaechtigung

 

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