An der absoluten Spitze werden die Leute schneller als je zuvor immer reicher. Aber in der Mitte treten sie auf der Stelle oder – je nachdem, wo sie arbeiten und leben – fallen sie sogar zurück. Und das ist historisch betrachtet eine völlig neue Erfahrung, seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Es war immer so: jedes Jahr wurden ALLE ein bisschen reicher. Neoliberale Politik ermöglichte den Finanzmärkten Spekulationen aller Art, private Banken eröffneten einen Kasinobetrieb, Verluste wurden sozialisiert, die Gewinne dagegen privatisiert. „Wohlstand für alle?“ Eine Idee von gestern. Die intelligentesten Geschäftsleute, die ich kenne, sind extrem besorgt über die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich. Das ist wirklich keine Kritik mehr, die sich auf die Linke beschränkt. Das ist etwas, um das sich jeder, der sich einen funktionierenden Kapitalismus wünscht, wirklich Sorgen machen muss.

Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen

Die Superreichen – Aufstieg und Herrschaft einer neuen globalen Geldelite

http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/hr/sendung_vom_18082013-104.html

http://mediathek.daserste.de/sendungen_a-z/431902_ttt-titel-thesen-temperamente/16561492_superreiche-aufstieg-und-herrschaft-der-neuen

Weltweit werden die Reichen immer reicher. In unfassbaren Dimensionen – ohne Verhältnis und Vergleich. Ein Exzess, der die Demokratie bedroht. Milliardäre mit ihren kolossalen Vermögen bilden eine neue globale Klasse, die ihre Entscheidungen unabhängig von Politik fällt.

Chrystia Freeland, eine der renommiertesten Wirtschaftsjournalistinnen der USA, hat nun ein Buch über “Die Superreichen” geschrieben. Seit Jahren begleitet und erforscht sie die Mächtigen. Sie ist eine der Wenigen, die Zutritt zur öffentlichkeitsscheuen Welt der reichen Eliten hat. Sie bricht ein Tabu. Denn über Reiche und Reichtum spricht man nicht, jedenfalls nicht kritisch. Wer’s tut, wird schnell als Sozialneider gebrandmarkt, steht in der linken Ecke und hat es wahrscheinlich nötig.

Die Reichen werden immer reicher (Bild: picture-alliance/dpa)Die Reichen werden immer reicher
“ttt” fragt, warum das so ist. Viele Menschen werden von der Illusion getragen, dazu zu gehören, zu der Welt der Reichen. In Deutschland allein gibt es eine Million Millionäre – ihre Zahl hat im letzten Jahr um 7,5 Prozent zugenommen. Für den Rest reichen ein paar Markenklammotten als Symbol der Abgrenzung nach unten. In den USA, so Chrystia Freeland, glauben 20 Prozent der Bevölkerung, dass sie zu dem reichsten ein Prozent der Amerikaner gehören und weitere 18 Prozent denken, sie werden dieses Ziel in nächster Zukunft erreichen.

Seit Jahren ist die Finanzwirtschaft größer als die Realwirtschaft. Mit Geld wird unvorstellbar viel Geld verdient – Geld, das nicht zurückfließt in die Wirtschaft, das keine Arbeitsplätze schafft. Die privaten Banken eröffneten außerhalb der Realwirtschaft einen Casinobetrieb – die Regeln der Marktwirtschaft wurden außer Kraft gesetzt. Verluste werden sozialisiert – die Gewinne privatisiert. Ludwig Erhards “Wohlstand für alle” scheint eine Idee von gestern. Wir bewegen uns in einer Irrationalität, die sich als Rationalität verkleidet. “ttt” besucht Chrystia Freeland in New York und befragt Prof. Michael Hartmann, Deutschlands renommiertesten Elite-Forscher.

Autorin: Tanja Küchle

Text des Beitrags:

Hier ist sie zu Hause, so wie das Geld: in der wichtigsten Finanzmetropole der Welt. Aber diese Welt ist aus den Fugen. Der Kapitalismus spielt verrückt. Nur noch die Superreichen gewinnen, alle anderen verlieren. Chrystia Freeland hat Zugang zu den Konferenzen, den Think Tanks und Treffen der Milliardäre. Sie sagt: Die Kluft zwischen der neuen globalen Geld-Elite und dem Rest wird immer tiefer.

Chrystia Freeland, Wallstreet:
“An der absoluten Spitze werden die Leute schneller als je zuvor immer reicher. Aber in der Mitte treten sie auf der Stelle oder – je nachdem, wo sie arbeiten und leben – fallen sie sogar zurück. Und das ist historisch betrachtet eine völlig neue Erfahrung, seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Es war immer so: jedes Jahr wurden ALLE ein bisschen reicher. Eltern konnten früher sicher sein, ganz egal, in welcher Einkommensklasse sie waren, dass es ihren Kindern einmal besser gehen würde als ihnen selbst. Aber das ist heute nicht mehr der Fall! Und das ist wirklich ein riesiges Problem.”

Sie konnten kolossale Vermögen anhäufen. Mit Geld haben sie auf den Finanzmärkten unglaublich viel Geld gemacht, weil die Regulierungen fehlten. Globale Unternehmen konnten sie gründen, ohne nennenswerte Steuern zu bezahlen. Für sie ist es der amerikanische Traum. Sie glauben, sie hätten ihre Milliarden tatsächlich selber verdient.

Chrystia Freeland, Wallstreet:
“Wenn du es selbst geschafft hast – du hast dein Vermögen nicht geerbt, du bist aus eigener Kraft Milliardär geworden, weil du besser als alle anderen verstanden hast, wie sich die Welt gerade verändert – dann ist es wohl ziemlich einfach, sich einzubilden: du BIST einfach besser! Und du kannst auch politische Fragen besser lösen! Du solltest einfach alles in der Hand haben! Ich glaube, es ist verlockend so zu denken.”

Warren Buffett und Bill Gates sind nicht alleine. Der Club der Milliardäre bekommt ständig neue Mitglieder: 1426 waren es im vergangenen Jahr. Eine Auswahl: Bill Gates ist mit 67 Milliarden Dollar nicht mal der Reichste, sondern der Mexikaner Hélu mit 73 Milliarden. Eine der wenigen Frauen unter den Superreichen: Miuccia Prada, 12,4 Milliarden. Google-Gründer Larry Page hat 23 Milliarden. Der arabische Investor Bin Talal Alsaud 20 Milliarden. Der russische Oligarch Roman Abramowitsch 10,2 Milliarden Dollar.

Ihr Vermögen speist sich aus vielen Quellen. Sie verdienten es mit der Finanzkrise, profitieren dank der Globalisierung von billigen Arbeitskräften auf der ganzen Welt. Chrystia Freeland liefert eine starke Analyse, ein fehlendes Puzzleteil: Über Reiche zu schreiben ist eigentlich tabu. Nicht für sie: Auf hohem Niveau warnt ihr Buch vor Entwicklungen, die nicht gut gehen können.

Chrystia Freeland:
“Eines hat sich wirklich in den letzten Jahrzehnten verändert: Eine Person, die reich wird, indem sie ein erfolgreiches Unternehmen gründet, bringt heute nicht mehr automatisch Wohlstand für eine größere Bevölkerungsgruppe – so wie es in der Vergangenheit war.”

Sie investieren ihr Geld lieber auf den Finanzmärkten als in der realen Wirtschaft. Sie schaffen keine Arbeitsplätze. Wenn doch, dann dort, wo sie am billigsten sind. Neoliberale Politik ermöglichte den Finanzmärkten Spekulationen aller Art, private Banken eröffneten einen Kasinobetrieb, Verluste wurden sozialisiert, die Gewinne dagegen privatisiert. „Wohlstand für alle?“ Eine Idee von gestern.

Chrystia Freeland:
“Die Einkommensungleichheit ist dramatisch gestiegen! Aber das war ein schleichender Prozess über die letzten 30 Jahre. Darum haben wir das gar nicht bemerkt! Es ist wie beim Frosch im Wasserbad, das man langsam erhitzt. Der Frosch springt nicht raus. Aber am Ende wird er gekocht.”

Proteste gibt es weltweit, wie die Occupy-Bewegung werden sie zwar gehört, aber letzten Endes marginalisiert. Und die gesellschaftliche Mitte? Schweigt. Alles zu kompliziert. Es fehlen politische Maßnahmen, sagt Freeland.

Chrystia Freeland:
“Wir brauchen globale Lösungen! Eine globale Übereinkunft über eine höhere Besteuerung – wie sie zum Beispiel die OECD vorschlägt. Sonst wird es sehr, sehr schwierig, die Superreichen so zu besteuern, dass die modernen sozialen Wohlfahrtstaaten überleben können.”

Es geht um Kapitalismus und Demokratie. Chrystia Freeland liebt den Kapitalismus, deshalb sagt sie: So kann es nicht weitergehen. Sie ist nicht die einzige.

Chrystia Freeland:
“Die intelligentesten Geschäftsleute, die ich kenne, sind extrem besorgt über die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich. Das ist wirklich keine Kritik mehr, die sich auf die Linke beschränkt. Das ist etwas, um das sich jeder, der sich einen funktionierenden Kapitalismus wünscht, wirklich Sorgen machen muss.”

Chrystia Freeland sagt, dass sogar die Superreichen anfangen, sich Gedanken zu machen, vielleicht kommen ja noch andere dazu. Ihr Buch könnte dabei helfen.

“Die Superreichen: Aufstieg und Herrschaft einer neuen globalen Geldelite”
von Chrystia Freeland
Erscheinungsdatum: 13. August 201
368 Seiten, 22,99 €
Verlag: Westend
ISBN-13: 978-3864890451

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 18.08.2013. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

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