Roger Williamsen: In Afghanistan hat man Angst, dass die Menschen dem Westen bald genauso egal sind wie die Menschen im Irak! Wir haben das Land immer noch nicht verstanden nach zwölf Jahren Militäreinsatz! Ich will der militärischen Perspektive, die wir haben auf das Land, etwas entgegen setzen. Ich konnte doch nur kapitulieren vor der Lebensklugheit und Reife, der Liebenswürdigkeit und Vitalität dieser afghanischen Kinder. Die Kinder schreiben hier mit weinenden Augen, dass sie sich eine Zukunft für Afghanistan wünschen. Und dass sie wünschen, dass es Frieden im Land gibt. Denn der Frieden ist die Voraussetzung dafür, dass man Tiere über die Felder schicken kann, und in die Weiden. Und dass die Kinder zur Schule gehen und so fort. Es wird immer wieder gesagt: Wir möchten unserem Land helfen! Die Kinder sind Hoffnungsträger. Aber die Ordnungssysteme, die nötig sind, damit dieses Land sich erholen kann, die muss die Politik bereit stellen. Und wenn sie das nicht tut, dann habe ich die Befürchtung, dass dieses Land in ein schlimmes Chaos gestürzt wird.

Roger Willemsen und die Kinder in Afghanistan
Kinder in Afghanistan (Bild: picture-alliance/dpa) Kinder in Afghanistan

http://www.roger-willemsen.de/bibliographie/es-war-einmal-oder-nicht/

Mit seiner “Afghanischen Reise” hat er 2007 das erste Mal aus Afghanistan berichtet – journalistisch, neugierig, emphatisch – vom wirklichen Leben der Menschen dort, abseits der ewig gleichen Bomben-Anschlagsbilder, die im Westen das Afghanistan-Bild prägen. Jetzt veröffentlicht Roger Willemsen sein zweites Buch über Afghanistan. Kinder haben ihn dazu gebracht. Zadia (7), Madja (12), Donja (11) und viele, viele andere haben ihm Aufzeichnungen und Briefe geschrieben, vor allem aber Bilder gemalt – bewegende Dokumente. Sie zeichnen ein überraschendes Bild vom nicht nur düsteren, sondern auch glücklichen Leben in Afghanistan. “So empfindlich ich bin, wenn man mit Kindern versucht, Mitleid zu erregen, so konnte ich doch nur kapitulieren vor der Lebensklugheit und Reife, der Liebenswürdigkeit und Vitalität dieser Kinder”, schreibt Willemsen in seinem großartigen Reisebericht.

Seit seiner ersten Reise setzt er sich als Schirmherr des Afghanischen Frauenvereins für den Bau von Schulen, Brunnen und medizinischen Anlagen ein. “Es war einmal… oder nicht – Afghanische Kinder und ihre Welt.” heißt sein Buch.

“ttt” besucht Roger Willemsen exklusiv zu Hause in Hamburg. Im nächsten Jahr werden die deutschen Soldaten Afghanistan verlassen, nach 12 Jahren. Und wir haben das Land immer noch nicht verstanden. Auch darüber reden wir mit Roger Willemsen.

Autorin: Carola Wittrock

Text des Beitrags:

Ein Geschenk aus Afghanistan – gleich im Eingang seines Hauses.

Roger Willemsen:
“Salem Aleikum. Willkommen bei mir zu Hause. Gehen wir mal ins Arbeitszimmer.”

Seit seiner ersten Reise 2005 fährt er immer wieder nach Afghanistan, hilft beim Aufbau von Brunnen und Schulen. Vor elf Monaten war er das letzte Mal da, um zu erfahren, wie es den Kindern geht. Davon erzählt sein neues Buch.

Roger Willemsen:
“Kinder begleiten mich, wenn es afghanische Kinder sind, überall hin. Sogar mein Bildschirmschoner ist ein Kind. Aus einer Schule in Afghanistan. Ein kleines Mädchen, das seinen Namen schreiben sollte. Fatima. Und es hat sich aber verschrieben. Und nur Fatma geschrieben. Und deshalb sah es so aus. Ich wollte so gerne dieser militärischen Perspektive, die wir haben auf das Land, etwas entgegen setzen. Und es gibt nichts Besseres, als die Wirklichkeit dieses Landes zu entziffern in den Augen von Kindern.”

Das zivile Afghanistan, darum geht es ihm. Er bereist das Land ohne Begleitung des Militärs. Privat und auf eigene Verantwortung. Nur so kann er den Kindern nah sein und ihren Alltag beobachten. Er hat sie gebeten, Bilder zu malen, von dem, was sie am meisten beschäftigt, von ihrem Leben in einem Land, in dem es so viel Gewalt und Zerstörung gibt.

Roger Willemsen:
“Ich habe bei den Kindern einen immensen Lebenshunger, eine immense Vitalität wahrgenommen. Die nehmen Kontakt auf. Die sagen: ‘Hello, mister, what’s your matter?’ Und dann sag ich: ‘No matter.’ ‘So, what are you doing here?’ Und dann sage ich: ‘Just visiting.’ Dann sagt der Junge zu seinem Freund: ‘Look, first tourist.'”

Das erste Mal kam er als Journalist, neugierig und offen. Er wollte berichten vom Leben in Afghanistan, abseits der ewig gleichen Bombenanschlagsbilder. Dabei hat es ihn gepackt.

Roger Willemsen:
“Die Arbeit, die ich jetzt schon so lange mache, ist eben auch deshalb so beglückend, weil man permanent das Gefühl hat, man bewirkt wirklich was. Die Kinder schreiben zum Beispiel hier mit weinenden Augen, dass sie sich eine Zukunft für Afghanistan wünschen. Und dass sie wünschen, dass es Frieden im Land gibt. Denn der Frieden ist die Voraussetzung dafür, dass man Tiere über die Felder schicken kann, und in die Weiden. Und dass die Kinder zur Schule gehen und so fort. Es wird immer wieder gesagt: Wir möchten unserem Land helfen.”

Sie haben viel Schreckliches gesehen und erlebt. Man sieht es ihnen an und auch wieder nicht. Sie kennen den Krieg und das Überleben. Der Ausnahmezustand ist normal und auch wieder nicht. Sie leben mit der Bedrohung und der Not und all den Gefühlen, die das macht.

Roger Willemsen:
“Es gibt Aggressionsausbrüche in der Schule. Besonders bei den Jungen, die also die Bänke zerschlagen. Und denen man so helfen muss. Übrigens auch dadurch, dass man sie zeichnen lässt. Weil sie plötzlich dann ihren Schrecken in ein Bild gebracht haben.”

Sie vertrauen ihm ihre Bilder und all ihre Geschichten an, zum Beispiel was mit ihrer neuen Schule passiert ist. Er ist für sie kein Fremder. Zum Nachdenken und Ideen entwickeln hat er einen besonderen Ort.

Roger Willemsen:
“Ich zeige euch mal, wo ich das Buch geschrieben habe.”

Roger Willemsen:
“Also alle diese Kinder haben ja das Spielen ebenso, das Tierehüten ebenso erlebt, wie die Kriegsbilder abgespeichert. Und es liegen in diesen Zeichnungen immer wieder Verletzte. Also hier liegt ein Kind mit zwei amputierten Beinen. Oder es liegt eine Frau, die ihre Hand verloren hat. Also die erzählen tatsächlich Geschichten, die sich dem Bewusstsein der Kinder tief eingebrannt haben.”

Aber auch von den anderen, wichtigen und fröhlichen Ereignissen: den Hochzeiten, neugeborenen Kindern und den Familienfesten. Es gibt Hunderte solcher Zeichnungen, die Roger Willemsen von seiner Reise mitgebracht hat.

Roger Willemsen:
“Mich rührt das. Und als ich dann auch sah, dass dann irgendwann ein Buch daraus werden wird, das ist so beglückend sich vorzustellen, dass man auf diesem Weg eine ganz andere Brücke schlägt zwischen der einen Kultur und der anderen.”

Wir gehen gerne über diese Brücke, es gibt so wenige davon. Der Erlös des Buches wird übrigens zurückfließen nach Afghanistan. Und so helfen die Kinder mit ihren Zeichnungen sich selbst und ihrem Land.

Roger Willemsen:
“Die Kinder sind Hoffnungsträger. Aber die Ordnungssysteme, die nötig sind, damit dieses Land sich erholen kann, die muss die Politik bereit stellen. Und wenn sie das nicht tut, dann habe ich die Befürchtung, dass dieses Land in ein schlimmes Chaos gestürzt wird. Und dann werden wir wahrscheinlich einen Fall erleben, der gar nicht so weit weg ist von dem, was wir im Irak erlebt haben. Für den Irak interessiert sich im Augenblick auch keiner. Auch nicht für Frauen- oder Kinderrechte dort. Und das ist meine Befürchtung. Im Moment hat man in Afghanistan mehr Angst vor diesem Zustand als jemals seit ich dort gewesen bin. Also ich kann nur sagen. Ich hoffe. Und würde dem Land gerne sagen: ‘Senda bash’“. Und das heißt so viel wie ‘Du sollst leben’. Auf Wiedersehen.”

“Es war einmal oder nicht: Afghanische Kinder und ihre Welt”
von Roger Willemsen
Erscheinungsdatum: 22. August 2013
256 Seiten, 19,99 €
Verlag: S. FISCHER
ISBN-13: 978-3100921086

 

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