Schwangerschaftsabbruch: Seit vierzig Jahren ein Tabu in Österreich – Hohe Hürden führen zu unsäglichem Leid vieler Frauen nach unzureichenden Eingriffen!

Schwangerschaftsabbruch
Seit vierzig Jahren ein Tabu in Österreich

Die Einführung der Fristenlösung stiess in Österreich auf heftigen Widerstand. Im Bild eine Demonstration der «Aktion Leben» 1971 in Wien.

Die Einführung der Fristenlösung stiess in Österreich auf heftigen Widerstand. Im Bild eine Demonstration der «Aktion Leben» 1971 in Wien.
Die Einführung der Fristenlösung stiess in Österreich auf heftigen Widerstand. Im Bild eine Demonstration der «Aktion Leben» 1971 in Wien. (Bild: Barbara Pflaum / APA / Keystone)
Die Einführung einer liberalen Fristenregelung vor knapp vierzig Jahren war in Österreich heftig umstritten. Heute wird sie zwar nicht mehr infrage gestellt. Abtreibung ist aber nach wie vor ein Tabu, den Frauen werden hohe Hürden auferlegt.
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Meret Baumann, Wien
Es ist früher Abend, als die Ärztin zusammen mit ihrer Patientin die gynäkologische Abteilung eines Spitals aufsucht. Sie gibt an, dass die Frau nach der Durchführung eines Schwangerschaftsabbruchs unter akuten Panikattacken leide. Die Patientin wird umgehend untersucht und nach der Diagnose einer Gebärmutterperforation noch in der Nacht notoperiert. Sie erhält während des Eingriffs zwei Blutkonserven. Erst sechs Tage später kann die Frau das Spital verlassen. Die Klinik meldet den Fall der zuständigen amtlichen Behörde sowie der Staatsanwaltschaft, insbesondere deshalb, weil die Ärztin die seltene, aber lebensbedrohliche Komplikation nach der Abtreibung offenbar nicht als solche erkannt hatte. Es stellt sich heraus, dass allein in den vier Jahren zuvor 16 Mal die Ambulanz vor ihrer Praxis vorfahren musste, um Frauen mit Komplikationen in ein Spital zu bringen.

Einer Engelmacherin gleich
Der schockierende Fall ereignete sich nicht im Hinterzimmer einer Engelmacherin aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts oder in einem Entwicklungsland, sondern im Juni 2013 mitten in Wien. Dabei war die 75-jährige, rumänischstämmige Ärztin den Behörden seit Jahren bekannt. Bereits 1980 berichtete das Nachrichtenmagazin «Stern» über sie, und die Wiener Ärztekammer liess verlauten, dass sie die Praxis zusammen mit der zuständigen Behörde über 30 Jahre lang mehrmals kontrolliert und mehrmals geschlossen hatte. Vor dem Hintergrund eines laufenden Verwaltungsstrafverfahrens sprach die Österreichische Ärztekammer aber erst Mitte Juli nach dem letzten Zwischenfall und unter öffentlichem Druck ein unbefristetes Berufsverbot gegen die Medizinerin aus.

Der Skandal hat in Österreich eine Debatte über die Qualitätssicherung bei Ärzten ausgelöst. Er wirft aber auch ein grelles Schlaglicht auf das Thema Schwangerschaftsabbruch, das nach wie vor tabuisiert wird. Denn die Einführung der Fristenlösung, die in Österreich seit 1975 gilt und wonach Frauen eine ungewollte Schwangerschaft innerhalb der ersten drei Monate und nach einer ärztlichen Beratung straffrei abbrechen dürfen, war heftig umstritten.

Sie wurde von der Regierung der sozialistischen SPÖ (die Umbenennung in Sozialdemokraten erfolgte erst nach dem Kalten Krieg) beschlossen. Die Frauenorganisation der Partei setzte sich nach jahrzehntelangem Kampf gegen anfängliche Bedenken von Bundeskanzler Bruno Kreisky durch. Die Reform der ins 18. Jahrhundert in die Zeit Maria Theresias zurückgehenden Strafrechtsbestimmung stiess aber auf heftigen Widerstand nicht nur der bürgerlichen Volkspartei (ÖVP) und der Freiheitlichen, sondern vor allem auch der Kirche und der «Aktion Leben», die fast 900 000 Unterschriften für ein Volksbegehren gegen die Fristenlösung und die Abschaffung der Gefängnisstrafe sammelte. Den Gegnern gelang es, im Sinne eines Kompromisses «flankierende Massnahmen zum Schutz des werdenden Lebens» wie höhere Geburtenhilfen und verstärkte Aufklärung über Verhütungsmittel durchzusetzen.

Mangelhafte Prävention
Die Folge ist, dass Österreich über eine liberale gesetzliche Basis verfügt, die den Abbruch ohne Indikationen oder eine Zwangsberatung mit Wartefrist zulässt. Es fehlen aber Regelungen zur Kostenübernahme oder Durchführungsbestimmungen, die etwa Spitäler zum Eingriff verpflichten. Vierzig Jahre nach der politischen Kontroverse besteht zwar ein breiter Konsens über die Fristenregelung, die nicht einmal mehr die «Aktion Leben» infrage stellt. Darüber hinaus wird das Thema Schwangerschaftsabbruch von der Politik aber totgeschwiegen, auch aus Rücksicht auf unterschiedliche Positionen der heutigen Koalitionsparteien SPÖ und ÖVP, was sowohl Gegner wie Befürworter in den vergangenen Wochen beklagten.

Kritisiert wird insbesondere, dass Österreich weder über eine Statistik zur Abtreibung noch über eine regelmässige Motivforschung verfügt. Da im Unterschied zu den meisten anderen europäischen Ländern die Kosten eines Schwangerschaftsabbruchs in Österreich nicht von der Krankenkasse übernommen werden, besteht keine Meldepflicht der Ärzte. Über die Anzahl Abtreibungen existieren deshalb nur Schätzungen, die von rund 30 000 Abbrüchen im Jahr ausgehen. Der Gynäkologe Christian Fiala, der in Wien die Abtreibungsklinik Gynmed betreibt und viel zum Thema publiziert, geht davon aus, dass drei von vier Frauen in Österreich im Lauf ihres Lebens einmal eine ungewollte Schwangerschaft abbrechen – ein Wert, der drei Mal so hoch ist wie in der Schweiz oder Deutschland.

Fiala begründet die vergleichsweise hohe Zahl mit dem verschämten Umgang des katholischen Landes mit den Themen Verhütung und Abtreibung. Für ihn ist eine ungewollte Schwangerschaft ein «Verhütungsunfall», und wie im Strassenverkehr sei zur Vermeidung von Unfällen die Prävention entscheidend. Diese sei in Österreich verbesserungswürdig. Es existierten keine nationalen Kampagnen oder Leitbilder zur Sexualerziehung von Kindern, es gebe keine qualitätsvollen Unterrichtsmaterialien und die Lehrer würden nicht ausgebildet, kritisiert Fiala.

Er gründete 2006 in Wien das weltweit einzige Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch, das diese Themen mit einer Vielzahl von Zeitdokumenten, Erfahrungsberichten und Anschauungsmaterial wertfrei erklärt und zu enttabuisieren versucht. Beinahe täglich besuchen Jugendgruppen oder Schulklassen das Museum, was teilweise die entsprechenden Lehrer aber der Kritik von Eltern oder Schulleitung aussetzt. So habe beispielsweise die Lehrerin der katholischen Schule Sacré Cœur in Pressbaum am Stadtrand von Wien aufgrund des Museumsbesuchs mit Schülern beinahe ihren Job verloren.

«Billigabtreibungen»
Das Schattendasein der Sexualerziehung an Schulen und die fehlende Übernahme der Kosten von Verhütungsmitteln selbst für Einkommensschwache oder Jugendliche führen zu vergleichsweise vielen ungewollten Schwangerschaften, von denen etwa jede zweite abgebrochen wird, obwohl der Zugang zur Abtreibung Frauen in vielerlei Hinsicht schwergemacht wird. Die Kosten für einen solchen Eingriff sind in Österreich sehr unterschiedlich und reichen von 320 bis rund 800 Euro. Für viele Frauen bedeuten sie eine hohe Hürde, was Fälle wie jenen der Wiener Ärztin erst ermöglicht. Sie bot «Billigabtreibungen» für 300 Euro an und warb mit dem Preis im Internet. Zu ihren Patientinnen zählten viele Frauen mit Migrationshintergrund oder Prostituierte.

Eines ihrer Opfer erzählte dem ORF von den skandalösen Zuständen in der Praxis. So habe es nicht einmal einen gynäkologischen Stuhl im Operationssaal gegeben, sondern nur einen Tisch mit einer Matte. Zudem dürfte die Narkose nicht ausreichend gewesen sein, die letzten Momente erlebte die Frau unter Schmerzen mit. Im Aufwachraum habe sie mit anderen zum Teil weinenden und schreienden Frauen gelegen, eine Nachbehandlung gab es nicht.

Bei Gynmed kostet ein Schwangerschaftsabbruch 490 Euro. Christian Fiala ist überzeugt, dass der Eingriff zu einem günstigeren Preis kaum auf hohem Qualitätsniveau und nach neusten Erkenntnissen durchgeführt werden kann. Seine helle Praxis verleiht mit den frischen Blumen im Empfangsbereich und den Bildern an der Wand eine angenehme, persönliche Atmosphäre, was für die Frauen ein wichtiges Signal ist, wie Fiala betont. Ein öffentliches Spital kann dies zwar nicht bieten, doch kostet ein Schwangerschaftsabbruch dort in der Regel rund einen Drittel weniger – allein schon, weil die Administration ohnehin vorhanden ist.

Öffentliche Spitäler können seit Einführung der Fristenlösung selbst entscheiden, ob sie Abtreibungen durchführen wollen. Obwohl jede gynäkologische Abteilung denselben Eingriff im Falle medizinischer Notwendigkeit natürlich vornimmt, sind es in Wien nur fünf Spitäler, die Abbrüche im Rahmen der Fristenregelung anbieten. Das Allgemeine Krankenhaus (AKH), Wiens Universitätsklinikum und das grösste Spital Österreichs, gehört beispielsweise nicht dazu. Dennoch ist die Versorgung in der Hauptstadt und im Westen des Landes zufriedenstellend. Im Burgenland, in Vorarlberg, Tirol und Kärnten bricht aber keine öffentliche Klinik ungewollte Schwangerschaften ab. Im konservativeren Osten müssen Frauen daher oft weite Anreisen und unnötig viel Aufwand auf sich nehmen, um eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Nach Bregenz in Vorarlberg reist etwa ein deutsches Ärzteteam aus Lindau und bietet den Eingriff an.

Für besonderes Aufsehen sorgte vor ein paar Jahren die Situation in Salzburg. Nach der Schliessung einer privaten Praxis wegen Hygienemängeln 2004 verfügte die erste sozialdemokratische Regierungschefin des Bundeslands, Gabi Burgstaller, dass das Salzburger Universitätsklinikum Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen habe, und riskierte damit den Bruch der Koalition mit der ÖVP. Der gehässig geführte Streit hat sich knapp zehn Jahre später zwar gelegt. Noch immer reisen aber zwei Ärzte aus Wien regelmässig in Richtung Westen, um zusammen mit einer Salzburger Kollegin jeden Samstag Patientinnen zu behandeln.

Christian Fiala ist einer dieser Gynäkologen und erklärt die Schwierigkeit lokaler Ärzte mit dem sozialen Druck in ländlichen Gegenden. «Wenn es beim Bäcker oder auf der Post plötzlich heisst, das ist ein Babymörder, überlegt man sich das gut», erklärt er. Die Salzburger Psychologin Petra Schweiger berät im Frauengesundheitszentrum Isis unter anderem ungewollt Schwangere und hat zusammen mit Fiala die Gynmed-Ambulanz im Universitätsklinikum aufgebaut. Am Anfang sei in eigentlichen Hetzkampagnen von einer «Tötungsabteilung» gesprochen worden. Die Rekrutierung von Ärzten sei schwierig gewesen, den Medizinern der gynäkologischen Abteilung sei von Vorgesetzten mit der Kündigung gedroht worden, falls sie Abtreibungen durchführten. Inzwischen habe sich die Diskussion entspannt und die Rolle der Kirche sei rudimentär, findet Schweiger. Die Gynmed-Ambulanz bilde aber nach wie vor einen lokal und organisatorisch separaten Teil der Klinik, die Ärzte seien freiberuflich angestellt. «So kann man sagen, nicht wir führen Abtreibungen durch, sondern bei uns werden Abtreibungen durchgeführt», erklärt sie. Bis es zum fachlichen Austausch mit den Medizinern der gynäkologischen Abteilung gekommen sei, habe es einige Jahre gedauert. Für Schweiger hat der Fall der Wiener Ärztin aber gezeigt, dass das Thema heute sachlicher behandelt werde. Anstelle einer ideologischen Debatte über die Abtreibung an sich sei die ungenügende Qualitätssicherung kritisiert worden.

Restriktionen als Strafe
Fiala sieht abgesehen von den seiner Ansicht nach unnötigen Hürden, die Frauen in Österreich auferlegt werden, und der mangelhaften Prävention auch Probleme in der Forschung. Da mit Ausnahme von Graz die Universitätsspitäler keine Abbrüche ohne medizinische Indikation durchführen, werde die moderne Absaugmethode an den Universitäten auch kaum gelehrt. Studenten werde die «Auskratzung» (Curettage) beigebracht, die im Fall medizinischer Notwendigkeit in einem späteren Stadium der Schwangerschaft angewandt werde. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt aber für Abbrüche vor der 14. Woche die Absaugmethode, die bei sachgemässer Durchführung kaum Risiken birgt. Auch der beispielsweise in der Schweiz mehrheitlich angewandte medikamentöse Abbruch ist in Österreich selten.

Fiala ist überzeugt, dass Restriktionen keine einzige Abtreibung verhindern, im Gegensatz etwa zu wirksamer Prävention ungewollter Schwangerschaften. Schweiger bestätigt diese Einschätzung. Keine Frau treibe leichtfertig ab, es handle sich immer um eine persönliche Notsituation. Habe sie sich aber einmal zum Abbruch entschlossen, lasse sie diesen auch durchführen – unabhängig vom Aufwand. Die Tabuisierung und die Auferlegung der Kosten seien lediglich dazu geeignet, den Frauen das Gefühl zu geben, etwas Unrechtes, Verwerfliches zu tun.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/auslandnachrichten/seit-vierzig-jahren-ein-tabu-in-oesterreich-1.18134219

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