Verkehr ist das Schmiermittel für eine demokratische Gesellschaft! Aber man muss die Verkehrs- und Energiewende zusammendenken und den öffentlichen Raum danach organisieren. Auch die gesamte Ver- und Entsorgung einer Stadt muss in einer völlig nachhaltigen Form stattfinden. Der Schlüssel zum Erfolg sind natürlich die digitalen Medien. Singapur, Tokyo, Hong-Kong – die denken bereits in diese Richtung.

“In 20 Jahren gibt es keine Privatautos mehr”

Im Jahr 2030 wird es genau so absurd sein, ein eigenes Auto zu besitzen, wie heute über ein privates Flugzeug zu verfügen. Davon ist der deutsche Innovationsforscher Andreas Knie überzeugt. Denn das Konzept von Privateigentum werde im Verkehr der Zukunft keine Rolle mehr spielen.

Kategorie: Technologiegespräche Alpbach Erstellt am 14.08.2013.

Im science.ORF.at-Interview erklärt der Soziologe, dass eines Tages “Stadtmaschinen” die Organisation des Verkehrs übernehmen werden: professionelle Dienstleister, die vom Verkehrsfluss bis hin zur Energie- und Preispolitik das Zusammenspiel im Bereich Verkehr orchestrieren und per Smartphone bedient werden.

Andreas Knie, Soziologe, Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel

Zur Person:
Andreas Knie ist Geschäftsführer des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel innoZ. Er ist außerdem Professor für Soziologie an der TU Berlin und seit 2005 hat er die wissenschaftliche Koordination der Forschungsgruppe Wissenschaftspolitik des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung inne.

Technologiegespräche Alpbach:

Von 22. bis 24. August finden im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach die Technologiegespräche statt, organisiert vom Austrian Institute of Technology (AIT) und der Ö1-Wissenschaftsredaktion. Das Thema heuer lautet “Die Zukunft der Innovation: Voraussetzungen – Erfahrungen – Werte”.
Davor erscheinen in science.ORF.at Interviews mit den bei den Technologiegesprächen vortragenden oder moderierenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Andreas Knie wird am Arbeitskreis “Smart City – Wege zur urbanen Mobilität von morgen” als Experte teilnehmen.

Weitere Beiträge:

Links:

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 13.8., 13:55 Uhr.

science.ORF.at: Wagen wir ein kreatives Experiment: Wie werden europäische Großstädte im Jahr 2050 aussehen?

Andreas Knie: Bis 2050 kann kein Mensch voraussehen. Bis 2030 kann man verlässlich sagen, dass die Städte in etwa so aussehen, wie wir sie kennen. Sie werden allerdings noch verdichteter, noch schneller und noch lebenswerter sein – weil es weniger Abgase geben wird. Denn jedes Verkehrsmittel wird auf der Basis rein regenerativer Energie funktionieren. In den Städten von Morgen wird es auch kein Eigentum mehr geben, was den Verkehr betrifft.

Wie soll in diesen Städten der Zukunft das Zusammenspiel von öffentlichem und privatem Verkehr aussehen?

Es wird keinen öffentlichen und keinen privaten Verkehr mehr geben. Nur mehr den Verkehr, in den ich mich morgens einchecke und am Abend wieder auschecke. Der Besitz eines privaten Verkehrsmittels wird dann genauso absurd sein, wie heute der Umstand, dass man auf einem Flughafen mit einem privaten Jet landen kann oder einen Helikopter zu besitzen. So exklusiv wird die Rolle des privaten Autos im Verkehr der Zukunft sein.

Wie sehr sind die Menschen heutzutage schon vom Konzept des Privatautos abgekommen?

Es hat noch immer einen großen Stellenwert. Die Menschen haben insbesondere deshalb ein privates Auto, weil sie uneingeschränkte Verfügungsrechte haben wollen. Man will nicht nachdenken, man will aus dem Haus gehen und ein Auto vor der Tür haben und nicht erst bestellen oder organisieren müssen. Wenn aber die kollektive Nutzung anders organisiert wird, müssen die Leute kein Auto mehr besitzen. Es gibt Tendenzen, die sich schon jetzt in Nordamerika und Mitteleuropa abzeichnen: Man braucht das Auto heutzutage nicht mehr als Statussymbol. Damit kann man jetzt schon nicht mehr angeben und in Zukunft noch viel weniger.

Welche Informations- und Kommunikations-Tools wird es für den Verkehr der Zukunft brauchen?

Der Schlüssel zum Erfolg sind natürlich die digitalen Medien. Es wird alles über das Smartphone laufen. Die Autos müssen lokalisiert, zugänglich gemacht und danach abgerechnet werden. Und das geht nur mit digitalen Medien. Das Gerät wird dann nur noch die Hülle sein, die Dienste – amerikanische Abhörfragen hin oder her – werden in der Cloud stehen.

Öffnet so ein System nicht der totalen Überwachung die Tür, und müssten sich insofern nicht parallel zum neuen Verkehrskonzept auch neue datenrechtliche Standards etablieren?

So lange Staaten so aussehen und agieren wie sie das heute tun, werden wir auch Überwachungstechniken haben. Die Formen, Inhalte und Methoden haben sich verändert. Aber die datenschutzrechtlichen Probleme, die wir jetzt haben, werden wir auch in Zukunft haben. Die neuen Medien bringen natürlich mehr Nutzungsmöglichkeiten, gleichzeitig bringen sie auch Möglichkeiten zum Verstecken mit sich, weil es so viele gibt. Das ergibt eine Vervielfachung der Daten, die dann erst recht wieder gefiltert werden müssen. Unterm Strich kommt eigentlich kein schlechterer Zustand raus – zumindest soweit wir das beobachten – als der, den wir heute schon haben.

Für die Schaffung eines völlig neuen Verkehrskonzepts ist ja die Infrastruktur ein springender Punkt. Dafür braucht es aber ein funktionierendes Zusammenspiel von öffentlichen und privaten Akteuren. Wie kann das bis 2030 funktionieren?

Indem man einen professionellen Dienstleister damit beauftragt. Die Stadt Wien würde das nicht selbst übernehmen, sondern es wird quasi eine “Stadtmaschine” geben, die dieses neue Konzept orchestriert. Sie organisiert die Verkehrsflüsse und die Parkraumbewirtschaftung – und zwar dynamisch. Ist das Verkehrsaufkommen hoch, sind die kollektiven Verkehrsmittel vorrangig. Haben wir schwache Zeiten, können die Individualverkehrsmittel stärker genützt werden. Steht gerade viel regenerativer Strom zur Verfügung, sind die Verkehrsmittel günstiger. Haben wir wenig Energie zur Verfügung, sind sie teurer. Dieser Service wird als Dienstleistung ausgeschrieben, und der Verantwortliche organisiert das Zusammenspiel, ohne dass er eigene Endkunden hat. Die Stadt überwacht und kann jederzeit auf Veränderungen beharren, wenn etwas nicht zufriedenstellend läuft.

Welche Städte gelten diesbezüglich heute schon als Vorreiter?

Das sind natürlich die asiatischen Städte, weil die den höchsten Druck haben. Singapur, Tokyo, Hong-Kong – die denken bereits in diese Richtung. In Europa haben wir beispielsweise Kopenhagen, Berlin, Amsterdam, Zürich, und auch London und Paris sind gerade stark dabei, sich Konzepte zu überlegen. Da ist gerade vieles in Bewegung.

Soziologisch betrachtet: Wie zentral ist der Verkehr überhaupt für das Zusammenleben von Menschen in Ballungsräumen?

Das ist die basale Notwendigkeit. Moderne und auch im Jahr 2030 oder 2050 funktionierende Demokratien brauchen die Teilhabe. Und Teilhabe wird niemals nur digital stattfinden. Sondern sie muss durch Bewegung im Raum stattfinden. Populistisch formuliert könnte man sagen, dass der Verkehr das Schmiermittel für eine demokratische Gesellschaft ist.

Wenn das Ziel kein Privatbesitz im Bereich Verkehr ist, dann muss sich der Gedanke von “nutzen statt besitzen” noch stärker fortpflanzen. Sind die Menschen dafür bereit? Eigentum wird von vielen als zentrale Säule der Gesellschaft begriffen.

Sie kaufen ja auch kein Hotel, keinen Flieger und auch keine Eisenbahn. Es gibt natürlich Dinge, die privat sind, wir wollen ja keinen kollektivistischen Generalzwang haben. Aber wir wollen stärker zur Geltung bringen, dass es in vielen Fällen schlauer ist, etwas zu nutzen anstatt es zu besitzen. Auch ein Leasing- oder Leihauto ist kein Eigentum. Wir sehen im Themenbereich Verkehr, in dem öffentlichen Raum, in dem wir uns bewegen, eine unglaublich hohe Affinität der Menschen, diese Angebote anzunehmen. Weil es unterm Strich ökologischer, ökonomischer und praktischer ist. Und das überzeugt die Menschen am Ende immer.

Der Arbeitskreis, an dem Sie in Alpbach teilnehmen werden, dreht sich um das Thema “Smart Cities”. Was fällt da abgesehen vom Verkehr noch darunter?

Verkehr ist die Grundvoraussetzung, dass überhaupt in Richtung Smart City gedacht werden kann. Alle großen Städte wurden um Verkehrswege gebaut. Aber man muss die Verkehrs- und Energiewende zusammendenken und den öffentlichen Raum danach organisieren. Auch die gesamte Ver- und Entsorgung einer Stadt muss in einer völlig nachhaltigen Form stattfinden. Die gesamte Kommunikation muss digital möglich sein, alles muss W-Lan fähig sein. D.h. es gibt eine Menge Politikfelder, denen der zwingende Reformbedarf klar werden muss. Und zu einer Smart City gehört natürlich immer auch die soziale Teilhabe. Europäische Städte haben das Zeug, diese Leistungsfunktion neu für sich zu reklamieren.

Interview: Theresa Aigner, science.ORF.at

Mehr zu dem Thema:
Wie sich unsere Reisen auf das Klima auswirken
Wie man einen Stau vermeidet
Wer verursacht Verkehrsstaus?

http://science.orf.at/stories/1722839

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