Lecks an allen Ecken und Enden: Die in Fukushima nun ausgetretenen hunderte Tonnen Wasser sind hochradioaktiv. Die Lache, die sich gebildet hat, strahlt so stark, dass ein Mensch, der sich in der Nähe aufhält, innert Stunden an Strahlenkrankheit leiden würde. Seit zwei Wochen ist bekannt, dass wahrscheinlich seit Beginn der Katastrophe täglich mehrere hundert Tonnen verstrahlten Grundwassers in den Pazifik gelangen: Das darin enthaltende Cäsium wird von Fischen aufgenommen. Möglicherweise ist der Alarm nur darauf zurückzuführen, dass wohl jetzt erstmals eine nicht eng mit der Atomwirtschaft verbandelte Behörde neu geschaffen wurde!

AKW Fukushima

Lecks an allen Ecken und Enden

Auslandnachrichten Vor 27 Minuten
Wasser sickert aus einem Auffangbecken in Fukushima.
Wasser sickert aus einem Auffangbecken in Fukushima. (Bild: Keystone / EPA)
Im zerstörten Atomkraftwerk Fukushima Daiichi sind mehrere hundert Tonnen hochradioaktives Wasser ausgetreten. Die Betreiberfirma Tepco ist mit der Situation überfordert.
Patrick Zoll

Japans Aufsichtsbehörde für Atomanlagen (NRA) ist alarmiert: Ein Tag nachdem bekanntgeworden war, dass schätzungsweise 300 Tonnen radioaktiven Wassers aus einem Tank auf dem Gelände des zerstörten Atomkraftwerks Fukushima Daiichi ausgetreten sind, hat sie am Mittwoch die Situation als ernsthaften Zwischenfall eingestuft. Dies ist das erste Mal, seit der Tsunami vom 11. März 2011 zum totalen Stromausfall im AKW und der dreifachen Kernschmelze führte, dass die NRA ein Ereignis in Fukushima nach der Skala für Zwischenfälle der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) bewertet. Auf der von 0 bis 7 reichenden Skala stuft die japanische Behörde das Leck mit 3 ein. Die Kernschmelzen, die zum grössten unkontrollierten Austritt von Radioaktivität seit Tschernobyl führten, erreichten damals den Maximalwert der Skala.

Noch immer Behelfslösungen

Das nun ausgetretene Wasser ist hochradioaktiv. Die NRA schätzt die Gesamtmenge des entwichenen radioaktiven Materials auf 24 Billionen Becquerel. Die Lache, die sich gebildet hat, strahlt so stark, dass ein Mensch, der sich in der Nähe aufhält, innert Stunden an Strahlenkrankheit leiden würde. Es ist die grosse Wassermenge und die hohe Radioaktivität, welche die NRA dazu bewogen haben, ein lokales Leck als Zwischenfall der Stufe 3 einzustufen.

(NZZ-Infografik / cke.)

Erneut weckt der Zwischenfall Zweifel, ob die Betreiberfirma Tepco der Lage gewachsen ist. Der Vorsitzende der NRA, Shunichi Tanaka, meinte wenig diplomatisch, dass Tepco in gewissen Aspekten offensichtlich überfordert sei. Noch immer sind viele Massnahmen handgestrickt, die Bedingungen für die Arbeiter im Schutzanzug und mit Staubmaske schwierig.

Nach einem Stromausfall im April, der von einer Ratte ausgelöst worden war, forderte die IAEA, dass Tepco die temporären Systeme so verbessern müsse, dass diese weniger störungsanfällig seien. Im gegenwärtigen Fall zeigt sich, dass die in grosser Eile aufgebauten Tanks unzureichend sind. Um Zeit zu sparen, wurden die Metallplatten nicht verschweisst, sondern vernietet. Gummidichtungen schliessen die Zwischenräume. Tepco beteuerte bisher immer, dass diese Tanks eine Lebenszeit von fünf Jahren hätten. Doch in den letzten Monaten wurden an 4 der rund 350 Tanks dieses Typs Lecks entdeckt. Das neuste ist bei weitem das gravierendste; rund ein Drittel des Wassers floss auf bisher unbekanntem Weg aus, bevor Tepco etwas bemerkt hatte.

Falsche Versicherungen

Die japanische Aufsichtsbehörde fordert nun, dass Tepco alle Tanks auf Lecks untersucht und die Überwachung der Wasserstände verbessert. Theoretisch hätte dies bereits der Fall sein sollen. Im Juni erklärten Verantwortliche von Tepco ausländischen Journalisten vor Ort noch, dass man sofort feststelle, wenn in einem der rund eine Million Liter fassenden Tanks ein paar Liter fehlten. Dies hat sich nun als falsch erwiesen. Auch sagten Tepco-Vertreter damals, dass kein radioaktives Wasser ins Meer fliesse − seit zwei Wochen ist bekannt, dass wahrscheinlich seit Beginn der Katastrophe täglich mehrere hundert Tonnen verstrahlten Grundwassers in den Pazifik gelangen. Abhilfe hätte eine Abwasserreinigungsanlage bringen sollen, welche alle radioaktiven Elemente ausser Tritium entfernen soll. Doch bereits den Testbetrieb überstand die Anlage nicht; auch sie leckte.

Während Tepco überfordert nach altbekannter Manier spät und bruchstückhaft über das neuste Leck informiert, zeichnet sich die erst wenige Monate alte NRA durch eine offensive Kommunikation aus. Für eine japanische Behörde untypisch passte sie in den letzten Tagen ihre Angaben jeweils rasch an, sobald sie über neue Informationen von Tepco verfügte. Sie scheute sich nicht, ihre ursprüngliche Einschätzung des Zwischenfalls nach oben zu revidieren.

Versuch eines Neubeginns

Unter ihrem Vorsitzenden Tanaka versucht sich die NRA entgegen allen Unkenrufen als unabhängige und glaubwürdige Organisation zu positionieren, welche Sicherheitsrichtlinien rigoros durchsetzt. Dadurch setzt sie sich deutlich von ihrer Vorgängerin Nisa ab. Diese war so eng mit der Atomwirtschaft verbandelt, dass sie ihre Aufsichtsfunktion nicht wahrnehmen konnte. Im Nachgang der Katastrophe von Fukushima wurde die Nisa daher aufgelöst und durch die NRA ersetzt.

Kontaminiertes Wasser gefährdet vornehmlich das Kraftwerk-Gelände

Das aus dem neuen Leck am Atomkraftwerk Fukushima Daiichi ausgetretene Wasser ist stark radioaktiv verseucht. Messungen haben ergeben, dass darin verschiedene Radionuklide in gefährlichen Mengen enthalten sind. So beträgt zum Beispiel die Konzentration von Cäsium (Cs-134 und Cs-137) 150 000 Becquerel pro Liter. Damit müsste das Wasser 15 000-fach verdünnt werden, bis es wieder trinkbar wäre. Die effektive Dosis des ausgetretenen Wassers – das Mass für die ionisierende Strahlung, die auf den Menschen einwirkt – beträgt 100 Millisievert pro Stunde. Zum Vergleich: Im Mittel akkumuliert eine Person in der Schweiz durch Radon in abgeschlossenen Räumen, durch Radionukliden im Boden, durch natürliche Strahlung in Lebensmitteln, durch kosmische Strahlung und durch die medizinische Diagnostik pro Jahr 4 bis 5 Millisievert.

Gelangte das Wasser ins Meer, würde es wohl rasch verdünnt. Gemäss Experten wäre die erhöhte Radioaktivität bereits zehn bis zwanzig Kilometer ausserhalb des Hafenbeckens kaum mehr messbar. Die Menge an Radioaktivität, die bei den Zwischenfällen im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi im März 2011 über Kühlwasser und über die Atmosphäre ins Meer gelangte, überstieg die jetzigen Werte millionenfach. Die Gefährdung durch das nun ausgetretene Wasser betrifft somit vornehmlich das Kraftwerk-Gelände und die dort arbeitenden Personen. Dennoch ist die mögliche Meeresverschmutzung problematisch, denn eine Spezialität von Cäsium ist, dass dieser Stoff im Fischfleisch aufkonzentriert wird. Laut Wissenschaftern sind Umweltproben nötig, also Messungen im Meerwasser, um die Gefahr besser einzuschätzen.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/auslandnachrichten/lecks-an-allen-ecken-und-enden-1.18136694

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