Mainzer Universitätsprofessor und Syrienexperte: “Was wir hier erlebt haben, ist ein Massenmord mit dem einzigen Ziel, diesen Massenmord dem Regime anzulasten und damit die USA unter Druck zu setzen, hier einzugreifen.” Wenn Assad gestürzt wird, werden wahrscheinlich Al-Kaida-Kämpfer die Macht übernehmen; sie sind die militärisch stärkste Kraft unter den Rebellen! Der mutmaßliche Giftgasangriff nutzt nach Ansicht des Syrien-Experten Günter Meyer ausschließlich der Opposition im Land. Es gibt Berichte, dass die Raketen aus einer von Islamisten kontrollierten Region abgefeuert worden sind!

22.08.13 | 15:38 Uhr | 8 mal gelesen

“DER MUTMASSLICHE GIFTGASANGRIFF NUTZT NACH ANSICHT DES …”

Syrien-Experte: Giftgasangriff nutzt nur Rebellen

Der mutmaßliche Giftgasangriff nutzt nach Ansicht des Syrien-Experten Günter Meyer ausschließlich der Opposition im Land.

“Was wir hier erlebt haben, ist ein Massenmord mit dem einzigen Ziel, diesen Massenmord dem Regime anzulasten und damit die USA unter Druck zu setzen, hier einzugreifen”, sagte der Mainzer Universitätsprofessor und Fachmann für den Mittleren Osten am Donnerstag in SWR1 Rheinland-Pfalz. Gerade jetzt, wo die UN-Inspektoren im Land seien, mache ein von den Truppen des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad verübter Giftgasangriff überhaupt keinen Sinn, so Meyer. Den UN-Einsatz in Syrien nannte der Fachmann für den Mittleren Osten “ein riesiges politisches Theater”. “Der Auftrag dieser Inspektoren zielt nur darauf ab festzustellen, ob Chemiewaffen eingesetzt wurden, aber nicht von wem sie eingesetzt worden sind.”

Straßenszene im unkäpften Aleppo (Foto: Abo Shuja/AFP/Getty Images)

INTERVIEW

Meyer: “US-Militäreinsatz in Syrien würde Al-Kaida stärken”

Der Syrien-Experte Günter Meyer warnt im DW-Interview vor den Folgen eines militärischen Eingreifens der USA in den syrischen Bürgerkrieg.

Deutsche Welle: Wie wahrscheinlich ist ein US-Militäreinsatz in Syrien derzeit?

Günter Meyer: Der US-Militäreinsatz ist höchst unwahrscheinlich. Das geht einerseits aus den sehr vorsichtigen Aussagen von Präsident Barack Obama hervor. Andererseits warnt inbesondere auch der US-Oberkommandierende Martin Dempsey dringend davor, militärisch einzugreifen. Es besteht zwar die Möglichkeit, jetzt zu intervenieren, aber es gibt keine Exitstrategie. Die Gefahr ist sehr groß, dass, wenn das Regime gestürzt wird, die Macht an die Islamisten, an die Al-Kaida-Kämpfer fällt. Die stellen mit Abstand die stärkste militärische Kraft innerhalb des Landes dar, nach der syrischen Armee.

Wie könnte denn ein militärischer Einsatz aussehen?

Das Verteidigungsministerium will unter allen Umständen vermeiden, tatsächlich Soldaten vor Ort einzusetzen. Eine andere Option wäre, eine Flugverbotszone über Syrien einzurichten. Das geht aber nur mit Zustimmung der Vereinten Nationen. Der Aufwand wäre sehr hoch, weil die gesamte syrische Luftabwehr ausgeschaltet werden muss. Die syrische Luftabwehr ist mit hochmodernen Raketen von der Sowjetunion ausgerüstet worden. Das wird also eine sehr aufwändige, viele Milliarden teure Aktion werden. Eine einfachere Lösungen, die vorgeschlagen worden ist, ist es, mit Raketen die Flugplätze der syrischen Armee zu zerstören. Das wäre durchaus eine Möglichkeit. Dann könnten die Kampfflugzeuge nicht mehr landen. Die zerstörten Landebahnen lassen sich aber rasch wieder aufbauen. Auch für eine solche Aktion wäre die Zustimmung der Vereinten Nationen erforderlich. Dazu werden sowohl Russland, als auch China nicht bereit sein.

Was wäre das Ziel eines Militäreinsatzes?

Wenn es dazu kommt, dass tatsächlich eine Flugverbotszone eingerichtet wird, dann bedeutet das eine enorme Schwächung des Regimes von Baschar al-Assad, weil vor allem seine militärischen Erfolge darauf beruhen, dass er die völlige Lufthoheit in Syrien besitzt. Wenn diese Lufthoheit auch durch die Bombardierung von Landebahnen nicht mehr gewährleistet ist, dann wird es für das Regime schwieriger, sich gegenüber den Rebellen zu behaupten.

Inwieweit würde ein Militäreinsatz die Situation in Syrien verändern?

Professor Günther Meyer (Foto: Universität Mainz)Professor Günther Meyer von der Uni Mainz

Es wäre in der Tat sehr schwierig für das Regime, sich an der Macht zu halten. Aber das Risiko ist groß, dass auch Russland sich noch intensiver einbringt und selbstverständlich auch von iranischer Seite Gegenschläge zu erwarten sind. Es könnte also durch ein solches Eingreifen ein Flächenbrand in der Region ausgelöst werden. Außerdem entstünde ein Machtvakuum, das von der Seite gefüllt wird, die derzeit am stärksten ist. Das sind die Anhänger von Al-Kaida. Der Erfolg der Opposition würde nicht nur zu einem Blutbad unter den Assad-Anhängern führen, sondern auch dazu, dass ein islamistisches Kalifat in Syrien ermöglicht wird – mit der stärksten Konzentration von Al-Kaida, die wir weltweit haben.

Gäbe es Auswirkungen auf Syriens Nachbarstaaten?

Je stärker die Kämpfe sind und je mehr Regionen einbezogen werden, desto mehr Flüchtlinge wird es zweifellos auch im Ausland geben.

Wie steht die US-Bevölkerung zu einem möglichen Militäreinsatz?

Die Medien in den USA sind zu einem sehr großen Teil von den Republikanern gesteuert. Die fordern nachdrücklich einen Einsatz von US-Truppen in Syrien, um die Stärke der USA und die Verantwortung als Hegemonialmacht auch weiter zu unterstreichen.

Und wie sehen die Syrer die Situation?

Sie sind gespalten. Wir haben einerseits einen Teil der syrischen Bevölkerung, der nach wie vor auf der Seite des Regimes steht. Auf der anderen Seite ist die Mehrheit der Bevölkerung dagegen. Sie würden eine Intervention begrüßen. Dann gibt es noch die Rebellen, deren Begeisterung für die Sache erheblich geschwunden ist, seitdem Al-Kaida zu einer starken oppositionellen Kraft geworden ist.

Professor Günter Meyer lehrt am geographischen Institut der Universität Mainz. Er ist Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt.

Das Gespräch führte Christian Ignatzi.

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