Ließ Kim Jong Un seine Geliebte erschießen? Es könnte eine reine Medienlüge sein! Die weltweit hochgezogene Geschichte genügt selbst minimalen journalistischen Standards nicht. Unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt illustriert die Geschichte den Umgang vieler Medien mit Nordkorea. Das internationale Interesse und die allgemeine Neugier übersteigt die Menge an gesicherten Nachrichten aus Nordkorea bei weitem. Vor allem in Seoul gibt es eine ganze Industrie von Pjongjang-Beobachtern, die sich aus Häppchen von Informationen etwas zusammenzureimen versuchen. Journalisten interviewen Experten, die vielfach wiederum ihre Informationen aus den Medien beziehen, in denen sie zitiert werden. Gegner der global herrschenden Westens werden in der Öffentlichkeit systematisch – unabhängig ob die Informationen stimmen oder nicht – als Böse und menschenfeindlich dargestellt, um immer auch Gewalt gegen diese Staaten rechtfertigen zu können! Das hatte auch gegenüber Gaddafi Erfolg, obwohl die Lage der Menschen heute viel schlechter ist, als unter dem Diktator! Menschen, die keinen Krieg mehr wollen, sollten sich tagtäglich dieser Beeinflussung und dem Aufbau von Feindbildern entgegenstellen!

Nordkorea und die globalen Medien

Liess Kim Jong Un die Liebe seines Lebens erschiessen?

Auslandnachrichten Gestern, 10:00
Gesicherte Informationen aus dem abgeschotteten Nordkorea sind rar.
Gesicherte Informationen aus dem abgeschotteten Nordkorea sind rar. (Bild: Keystone / ap)
Eine der bekanntesten Sängerinnen Nordkoreas soll hingerichtet worden sein. Ob die Geschichte um die angebliche Geliebte Kim Jong Uns stimmt, ist nicht überprüfbar. Doch sie sagt viel über den Umgang der Medien mit dem abgeschotteten Land aus.
Patrick Zoll

In der Hauptrolle des Dramas ist eine junge, hübsche Sängerin revolutionärer Propagandahits, deren Liebe zu einem Diktator in spe keine Zukunft hat. Denn dessen gestrenger Vater verbietet die Liaison. Entsprechend tragisch endet die Geschichte ein paar Jahre später: Die Sängerin wird auf Befehl ihres ehemaligen Geliebten, der mittlerweile zum Alleinherrscher des Landes aufgestiegen ist, von einem Erschiessungskommando exekutiert. Zusammen mit einem Dutzend weiterer Musikerinnen und Tänzer soll sie heimlich Sexfilme gedreht haben. Und das ist strengstens verboten.

Wahr oder erfunden?

Das ist grob zusammengefasst die Geschichte, die gegenwärtig über Hyon Song Wol verbreitet wird, eine Sängerin, die in ihrer Jugend die Geliebte des nordkoreanischen Führers Kim Jong Un gewesen sein soll. Jene Nachrichtenportale, die die Geschichte publizierten, durften sich sicherlich hoher Klickzahlen erfreuen. Titel wie «Kim liess Liebe seines Lebens erschiessen» garantieren das praktisch. Das Problem ist bloss, dass die Geschichte selbst minimalen journalistischen Standards nicht genügt. Alle Artikel beziehen sich auf die südkoreanische Zeitung «Chosun Il bo», die sich ihrerseits nur auf ungenannte chinesische Quellen beruft. Ob die Geschichte stimmt oder frei erfunden ist, lässt sich nicht überprüfen.

Unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt illustriert die Geschichte den Umgang vieler Medien mit Nordkorea. Das internationale Interesse und die allgemeine Neugier übersteigt die Menge an gesicherten Nachrichten aus Nordkorea bei weitem. Vor allem in Seoul gibt es eine ganze Industrie von Pjongjang-Beobachtern, die sich aus Häppchen von Informationen etwas zusammenzureimen versuchen. Journalisten interviewen Experten, die vielfach wiederum ihre Informationen aus den Medien beziehen, in denen sie zitiert werden. Zwar gibt es auch hochkompetente Experten, manch eine Einschätzung von topaktuellen, meist unüberprüfbaren Ereignissen ist hingegen nicht viel mehr als Kaffeesatzlesen. Doch die ständige Aufgeregtheit der globalen Informationsindustrie verlangt nach einem konstanten Strom an Neuigkeiten und Zitaten.

Uno sammelt Beweismaterial

Trotzdem gibt es gesicherte Informationen aus Nordkorea, das Regime in Pjongjang kann nicht komplett verhindern, dass unliebsame Nachrichten nach aussen dringen. Um sich ein Bild über komplexe Themen wie zum Beispiel die Lage der Menschenrechte zu machen − in diesem Kontext sind Hinrichtungen zu sehen −, braucht es allerdings langwierige und komplexe Nachforschungen. Ein Beispiel ist die Untersuchungskommission für Menschenrechte in Nordkorea des Uno-Menschenrechtsrats. In den letzten zwei Wochen führte die Kommission mit Flüchtlingen aus Nordkorea und Verwandten von Personen, die von nordkoreanischen Agenten aus Japan entführt worden sind, Anhörungen durch. Augenzeugenbericht um Augenzeugenbericht erarbeitet sich die Kommission unter der Führung des pensionierten australischen Richters Michael Kirby ein Bild der Menschenrechtslage in Nordkorea. Nach Abschluss der zehntägigen Anhörungen in Seoul, die in den lokalen wie internationalen Medien auf beschämend wenig Echo stiessen, sagte Kirby, dass man glaubhafte Indizien für Hinrichtungen, Entführungen, erzwungene Abtreibungen und Folter in den politischen Straflagern des Landes gesammelt habe.

Diese Indizien sollen verwendet werden, falls es eines Tages zu einem Prozess gegen die Verantwortlichen kommt. Denn das Mandat der Kommission ist «die systematischen, weit verbreiteten und schweren Menschenrechtsverletzungen in der Demokratischen Volksrepublik Korea zu untersuchen, mit dem Ziel, volle Rechenschaft zu ermitteln, insbesondere für Verstösse, die eventuell Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind». Um die Anschuldigungen zu überprüfen, fordert Kirby von Pjongjang Zutritt zum Land und zu den Straflagern. Das Regime lehnt dies ab und weist alle Anschuldigungen von sich. Die staatliche Nachrichtenagentur KCNA bezeichnete die Anhörungen als Farce, die Untersuchung sei eine Verschwörung der USA und anderer feindlichen Kräfte.

Zu den Personen, welche die Kommission befragte, gehörten vor allem Überläufer aus Nordkorea, die über ihre persönlichen Erfahrungen sprachen. Südkoreanische Geheimdienste verhören systematisch alle Ankömmlinge, um so zu Informationen aus erster Hand zu kommen. Die scharfe gesellschaftliche Kontrolle des Regimes macht es fast unmöglich, in Nordkorea Agenten anzuwerben. Die Methode hat allerdings eine grosse Schwäche: Die bisher über 20 000 Flüchtlinge stammen grossmehrheitlich aus den nördlichen Provinzen, weit weg von Pjongjang. Auch verbringen sie meist einige Jahre in China, bevor sie nach Südkorea kommen. Über die Vorgänge im engeren Kreis des Regimes wissen sie kaum etwas. Ein Experte meint dazu lakonisch: «Sie als Informationsquelle zu nutzen, ist, wie wenn man einen amerikanischen Farmer aus dem Mittleren Westen, der ein paar Jahre in Kanada gelebt hat, dazu befragen würde, wie die Regierung im Weissen Haus funktioniert.»

Die Wahrheit kommt zu spät

Das nordkoreanische Regime bleibt eine Blackbox und damit auch das persönliche Leben von Kim Jong Un. Ob er eine Geliebte hat oder Kinder, darüber gibt es nur Spekulationen. Ereignisse in seinem Umfeld, wie die vermeldete Hinrichtung Hyon Song Wols, lassen sich kaum je verifizieren. Allenfalls kommt die Wahrheit mit grosser Verzögerung ans Licht. Doch bis dann haben sich viele Medien bereits wieder an irgendeiner anderen unglaublichen Geschichte aus dem Reich der Kims festgebissen − ob sie nun stimmt oder nicht.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/auslandnachrichten/liess-kim-jong-un-die-liebe-seines-lebens-erschiessen-1.18142162#

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