Guatemala: The US United Fruit Company und große Landbesitzer organisierten den Sturz des mit überwältigender Mehrheit gewählten Präsidenten Arbenz, der eine Landreform durchsetzen und das Land modernisieren wollte! Danach ermordete der Staatliche Gewaltapparat Tausende Indios, Gewerkschafter, Studenten und trief das Land in einen Guerillakrieg, der Hunderttausenden das Leben kostete! Mit dem Vorwurf des Kommunismus, wurde hier wie in vielen Ländern, eine eigenständige Entwicklung verhindert im Interesse der Aufrechterhaltung der Macht der internationalen Konzerne und der mit ihnen verbundenen Feudalklassen, von Großgrundbesitzern, der Familien sich einst das Land der Indios angeeignet hatten!

Jacobo Arbenz

Frühes Opfer des Kalten Krieges in Lateinamerika

Auslandnachrichten Heute, 10:00
Die Landreform war das Kernstück des Programms von Arbenz (hier in schwarzem Anzug mit Campesinos).
Die Landreform war das Kernstück des Programms von Arbenz (hier in schwarzem Anzug mit Campesinos).(Bild: Daniel Hernandez / PD)
Jacobo Arbenz trat 1951 an, um ein semifeudales Guatemala zu modernisieren. Sein Sturz als angeblicher Kommunist beendete seine Präsidentschaft auf tragische Weise.
Werner Marti

Es war wohl der erniedrigendste Moment im Leben von Jacobo Arbenz. Zweieinhalb Monate nach seinem Sturz als Präsident Guatemalas am 27. Juni 1954 erhielt er von den neuen Machthabern freies Geleit, um ins Exil zu gehen. Zuvor jedoch musste der stolze Oberst des Heeres, der drei Jahre zuvor von einer überwältigenden Mehrheit von 65 Prozent der Stimmenden mit der Staatsführung betraut worden war, einen demütigenden Abschied über sich ergehen lassen. Vor den Pressefotografen wurde er gezwungen, sich auf dem Flughafen zur Leibesvisitation bis auf die Unterhosen ausziehen. Die guatemaltekische Oligarchie, die ihn unter Führung der CIA gestürzt hatte, zeigte damit nochmals ihren abgrundtiefen Hass auf den Mann, der angetreten war, um das Land tiefgreifend zu modernisieren. Augenzeugen berichten, dass Arbenz die Erniedrigung stoisch über sich ergehen liess.

Semifeudale Verhältnisse

Jacobo Arbenz Guzmán wurde am 14. September 1913 in der Stadt Quetzaltenango in Guatemala geboren. Sein Vater Jakob Arbenz war 1899 als Sechzehnjähriger aus Andelfingen dorthin emigriert und hatte später eine Mestizin geheiratet. Er führte eine Apotheke, geriet aber bereits zur Jugendzeit Jacobos wegen Gesundheitsproblemen in finanzielle Schwierigkeiten. Der Sohn entschloss sich deshalb zum Studium an der nationalen Militärschule, die für ihn die einzige Möglichkeit einer guten, kostenlosen Ausbildung bot. Jacobo Arbenz war ein brillanter Schüler. Nach dem Abschluss schlug er die Offizierslaufbahn ein und heiratete Maria Vilanova, die sozialkritische Tochter eines reichen Kaffeepflanzers aus El Salvador.

Allmächtige United Fruit

Das politische Engagement von Arbenz begann mit der guatemaltekischen Oktoberrevolution von 1944. Unter der Diktatur von Jorge Ubico (1931–1944) verharrte das Land in semifeudalen Verhältnissen. Es wurde von einer rückständigen Oligarchie von Grossgrundbesitzern dominiert, die vor allem im Kaffeeanbau tätig war. Das Agrarland war extrem ungleich verteilt, und ein grosser Teil der indianischen Bevölkerungsmehrheit lebte unter Zuständen, die jener der Sklaverei ähnelten. Ein System der Schuldknechtschaft zwang verschuldete Indianer, ihre Gläubiger durch Arbeitsdienst zu entschädigen. Wurde die Schuld zu Lebzeiten nicht getilgt, so ging sie auf die Nachkommen über. Ausserdem wurden alle Indianer, die weder über Grund und Boden noch über eine feste Anstellung verfügten, vom Staat gezwungen, 150 Tage im Jahr auf den Farmen der Grossgrundbesitzer zu arbeiten.

Wirtschaftlich war das Land de facto von der amerikanischen Bananen-Gesellschaft United Fruit Company kolonialisiert. Diese war für rund 40 Prozent der Wirtschaftsleistung verantwortlich. Sie war der grösste Landbesitzer und der wichtigste Exporteur. Sie besass praktisch sämtliche Eisenbahnlinien, den einzigen Atlantikhafen und einen bedeutenden Teil der Schiffslinien in die USA. Dank einem Abkommen mit Ubico bezahlte sie kaum Steuern.

Im Oktober 1944 wurde diese alte Ordnung von einer Allianz aus reformistischen Offizieren, Studenten und Berufsleuten aus der wachsenden Mittelklasse gestürzt. Arbenz spielte dabei eine führende Rolle und bildete zusammen mit einem weiteren Offizier und einem Geschäftsmann eine Übergangsjunta. Innert Monaten übergaben sie die Macht dem aus freien Wahlen hervorgegangenen Philosophieprofessor Juan José Arévalo. Dieser schaffte alle Formen der Zwangsarbeit ab, wagte aber nicht, sich mit den mächtigen Grossgrundbesitzern weiter anzulegen, und beschränkte seine Reformen deshalb auf den städtischen Bereich.

Heisses Eisen Landreform

1950 wurde Jacobo Arbenz, der Arévalo als Verteidigungsminister gedient hatte, zu dessen Nachfolger gewählt. In seiner Antrittsrede versprach er, Guatemala von einer abhängigen in eine unabhängige Nation zu verwandeln und deren Wirtschaft von einem überwiegend feudalen Stadium in den Kapitalismus überzuführen. Er sprach damit kaum verhüllt die Macht von United Fruit und die enorme Ungleichheit beim Landbesitz an. Arbenz konnte sich dabei auf einen Länderbericht der Weltbank stützen, der die extrem ungleiche Landverteilung als eines der wichtigsten Hindernisse für die wirtschaftliche Entwicklung Guatemalas ausgemacht hatte. Um das Transportmonopol von United Fruit zu brechen, liess er eine Strasse an die Atlantikküste bauen, wo er einen zweiten Hafen errichten wollte. Das auch in ausländischen Händen liegende Monopol über die Stromproduktion wollte er mit einem staatliche Wasserkraftwerk brechen.

Sein bei weitem wichtigstes Projekt aber war eine umfassende Landreform, die im Juni 1952 vom Kongress verabschiedet wurde. Sie sah die Enteignung grosser Ländereien über 90 Hektaren vor, wenn davon mehr als ein Drittel des Bodens brachlag. Die Landbesitzer wurden mit Staatsanleihen entschädigt, gemäss dem von ihnen für die Steuern deklarierten Wert. Auf dem Land sollten landlose Campesinos angesiedelt werden, um in mittelgrossen Betrieben für den Markt zu produzieren.

Die Reform stiess auf den erbitterten Widerstand der Grossgrundbesitzer und von United Fruit. Arbenz wurde von ihnen beschuldigt, ein blutiger Diktator und Kommunist zu sein. United Fruit war stark von der Landreform betroffen, da sie grosse Teile ihres Landes als Reserve brach hielt und dessen Wert viel zu tief deklariert hatte. Der Konzern machte mit einer millionenteuren PR-Kampagne in den USA Stimmung gegen Arbenz. Die Propaganda stiess in Washington angesichts des Kalten Krieges auf offene Ohren, nicht zuletzt auch, weil führende Mitglieder der amerikanischen Regierung einen guten Draht zu United Fruit besassen. Sowohl der CIA-Direktor Allen Dulles wie sein Bruder, Aussenminister John Foster Dulles, hatten in der Vergangenheit geschäftliche Beziehungen zum Konzern.

Die CIA rüstete im benachbarten Honduras Gegner von Arbenz mit Waffen aus und bereitete diese auf eine Invasion vor. Der Einmarsch der Rebellen im Juni 1954 wurde begleitet durch Überflüge von Flugzeugen, die Bomben und Flugblätter über guatemaltekischen Städten abwarfen. Sie wurden gelenkt von früheren amerikanischen Militärpiloten, die von der CIA angeheuert worden waren. Angesichts der vorrückenden Invasionstruppen glaubt Arbenz nicht mehr ans Überleben seiner Regierung. Am 27. Juni tritt er zurück und flieht in die mexikanische Botschaft. Oberst Carlos Castillo Armas, dem die CIA die Führung der Invasion anvertraut hatte, übernimmt die Macht.

Zurück in die Vergangenheit

Mit dem Sturz von Arbenz fiel Guatemala nach der zehnjährigen Reformperiode für ein halbes Jahrhundert in die dunkle Vergangenheit zurück. Castillo Armas machte die Landreform rückgängig. Autoritäre Regierungen sorgten danach jahrzehntelang dafür, dass der Name Arbenz in Guatemala tabu war und dass die Linke von der Politik ausgeschlossen blieb. Ein staatlicher Terrorapparat ermordete Tausende von andersdenkende Studenten, Gewerkschaftern, Politikern und Bauernführern. Ab den sechziger Jahren lehnten sich kommunistische Guerillabewegungen gegen die Militärdiktatur auf. Der Bürgerkrieg kostete schliesslich rund 100 000 Menschen das Leben, über eine Million Guatemalteken wurden zu internen Flüchtlingen oder suchten in Mexiko Zuflucht. Aber nicht nur in Guatemala hatte der Sturz von Arbenz weitreichende Konsequenzen. Er schreckte auch andere Regierungen in Zentralamerika vor Reformen ab und trug damit indirekt auch zum Entstehen der blutigen Bürgerkriege in Nicaragua und El Salvador bei.

Ein Kommunist?

Wer aber war nun Jacobo Arbenz wirklich? Ein verkappter Kommunist, der mit einer bürgerlich-nationalistischen Rhetorik versuchte, seine wahren Absichten zu verschleiern? Oder ein weitsichtiger Reformer, der Guatemala aus semifeudalen Verhältnissen in einen modernen kapitalistischen Staat verwandeln wollte? Eine Einschätzung der Ideologie von Arbenz ist nicht einfach, da er keine entsprechenden Schriften hinterliess. Er war ein militärischer und politischer Praktiker, nicht ein theoretisch versierter Ideologe.

Es waren amerikanische Autoren, die den Aufstieg und Fall von Arbenz später am ausführlichsten aufarbeiteten. Weder Stephen Schlesinger und Stephen Kinzer¹ noch Piero Gleijeses² kommen dabei zum Schluss, dass Arbenz ein Kommunist war. Schlesinger und Kinzer definieren seine primäre Ideologie als Nationalismus, betonen aber, dass er die Unterstützung durch die Kommunisten zur Stärkung der Reformkräfte mit gewissem Enthusiasmus annahm. Für die Durchführung der Landreform benötigte er viele loyale Hilfskräfte, die er unter den Kommunisten fand.

Auch für Gleijeses war Arbenz kein Kommunist. Er meint aber, er sei unter den wichtigsten politischen Führern am weitesten links anzusiedeln, und die Kommunisten hätten in seinem Umfeld eine nicht unbedeutende Rolle gespielt. Diese war aber, so der amerikanische Historiker Cole Blasier, eine passive. Sie unterstützten demnach Reformen, welche die Regierung aus eigenem Antrieb beschlossen hatte. Arbenz war nie Mitglied einer politischen Partei. Er vergab nie einen Kabinettsposten an die Kommunisten, und im Parlament hielten diese bei seinem Sturz nur 4 von 51 Sitzen der Regierungskoalition.

Eine ganz andere Frage ist, ob die Landreform, wäre Arbenz nicht gestürzt worden, wirklich erfolgreich gewesen wäre. Das Programm war nur gut 18 Monate in Kraft. Angesichts der kurzen Zeitspanne kann sich das Resultat durchaus sehen lassen. In eineinhalb Jahren erhielten rund 100 000 Familien insgesamt 600 000 Hektaren Land. Die Regierung zahlte dafür 8,35 Millionen Dollar in Staatsanleihen. Mit der Verteilung von Grund und Boden ist es bei einer Landreform aber noch nicht getan. Soll diese wirklich landlose Bauern in kapitalistische Landwirte verwandeln, müssen die neuen Landbesitzer für die Führung eines modernen Betriebs ausgebildet werden. Sie müssen Zugang zu Krediten für Samen, Dünger und Landmaschinen erhalten. Ausserdem müssen Märkte für sie geöffnet werden, das heisst Vermarktung und Transport müssen organisiert werden. Die Kosten dieser Massnahmen belaufen sich auf ein Vielfaches der reinen Landkosten. Hätten Arbenz und seine Nachfolger diesen Aufwand finanziell und organisatorisch wirklich erbringen können? Falls nicht, wären die begünstigten Campesinos wohl bald in die Subsistenzwirtschaft zurückgefallen.

Odyssee eines Geächteten

Mit seinem Sturz begann für Arbenz eine jahrelange Odyssee auf der Suche nach einem dauerhaften Exil. Der amerikanische Vorwurf, ein Kommunist zu sein, brachte ihn auch bei den anderen westlichen Staaten und in Lateinamerika in Verruf. Nach einem kurzen Aufenthalt in Mexiko reiste er in die Schweiz weiter, wo er hoffte, eine definitive Bleibe zu finden. Der Empfang in der Heimat des Vaters fiel aber kühl aus. Angesichts der amerikanischen Kritik kommt die Ankunft des gestürzten Präsidenten den Schweizer Behörden höchst ungelegen. Arbenz wird polizeilich beschattet. Ein festlicher Empfang im Heimatort Andelfingen wird nach der Intervention der Behörden abgesagt. Arbenz hatte wegen seines Vaters Anrecht auf das Schweizer Bürgerrecht. Er verzichtete aber schliesslich auf einen entsprechenden Antrag, da Guatemala keine Doppelbürgerschaft akzeptierte und er diesen Pass nicht verlieren wollte. Damit verwirkte er zur Erleichterung der Behörden auch sein Aufenthaltsrecht für die Schweiz. Nach drei Monaten reiste die Familie wieder ab.

Die nächsten Jahre führten ihn nach Frankreich und Uruguay sowie in die kommunistischen Staaten Tschechoslowakei, Sowjetunion, China und Kuba. Doch auch hier fühlte er sich nicht wohl. 1970 erhielt er schliesslich von Mexiko eine permanente Aufenthaltsbewilligung. Er war inzwischen, zermürbt von seinem Schicksal und vom Selbstmord seiner Tochter Arabella – eines international bekannten Fotomodells –, zum Alkoholiker geworden. Am 27. Januar 1971 wurde er tot in seiner Wohnung in Mexiko aufgefunden. Es soll sich um einen natürlichen Tod gehandelt haben.

¹ Stephen Schlesinger und Stephen Kinzer: Bitter Fruit. The Story of the American Coup in Guatemala. Überarbeitete Ausgabe, Harvard University 2005 (Deutsch: Bananenkrieg: CIA-Putsch in Guatemala).² Piero Gleijeses: Shattered Hope: The Guatemalan Revolution and the United States, 1944–1954. Princeton University Press 1992.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/auslandnachrichten/ein-fruehes-opfer-des-kalten-krieges-in-lateinamerika-1.18148088

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