Vor 30 Jahren führte eine Fehlmeldung über einen US-Atomangriff fast zum atomaren Desaster! Danken wir dem Russen, dem wir Menschen unser Leben verdanken! Der Vorfall, wie der unfallbedingte Fall eine amerikanischen Atombombe auf eigenes Gebiet vor über 50 Jahren zeigt, dass für unsere Sicherheit weltweit die weltweite atomare Abrüstung nötig ist und als Basis dafür der weitere Ausbau eines kollektiven Sicherheitssystem, dass nicht auf Gewalt basiert!

Mit der Präsentation atomarer Kurzstreckenraketen auf dem Roten Platz demonstriert die Sowjetunion 1985 ihre Macht.

Mit der Präsentation atomarer Kurzstreckenraketen auf dem Roten Platz demonstriert die Sowjetunion 1985 ihre Macht. (Bild: Keystone / AP)
Abgesehen von der Kubakrise 1962 gab es im Kalten Krieg wahrscheinlich keinen so gefährlichen Zeitpunkt wie im Herbst 1983. Die Courage und der gesunde Menschenverstand eines Einzelnen verhinderten damals einen versehentlichen Atomkrieg.
Ronald D. Gerste, Washington

Die Welt vor dreissig Jahren war ein gefährlicher Ort geworden, die Spannungen zwischen den Blöcken schienen nur eines einzigen Zwischenfalls, eines Missverständnisses zu bedürfen, um Armageddon auszulösen. Am 1. September 1983 schoss die sowjetische Luftwaffe einen Jumbo-Jet der südkoreanischen Fluggesellschaft KAL ab, weil das Passagierflugzeug den Luftraum der kommunistischen Supermacht verletzt hatte – eine einmalig brutale Umsetzung von Souveränitätsrechten, die 269 Personen das Leben kostete.

Tiefes gegenseitiges Misstrauen

Der amerikanische Präsident Ronald Reagan hatte bereits im Frühling deutlich gemacht, was er von dem weltpolitischen Rivalen hielt, als er die Sowjetunion ein «evil empire», ein Reich des Bösen, nannte. Während der Ausdruck von Linken und Friedensbewegten in Westeuropa verdammt wurde, begrüssten ihn nicht wenige Untertanen dieses Reiches, in Ungarn, im Baltikum und andernorts, klammheimlich als Zeichen, dass endlich ein westlicher Staatsmann den Mut hatte, Dinge beim Namen zu nennen. In Westeuropa tobte die Debatte über die Nachrüstung, in der Sowjetführung herrschte Entsetzen über Reagans Strategic Defense Initiative, die darauf abzielte, eine Abwehr gegen einfliegende strategische Langstreckenraketen – die gefährlichste Waffe der Sowjetunion – zu entwickeln.

In dieser Atmosphäre tiefen Misstrauens zwischen den Supermächten trat Oberstleutnant Stanislaw Petrow in der Nacht vom 26. auf den 27. September 1983 seinen Dienst in der Kommandozentrale der sowjetischen Satellitenüberwachung, Serpuchowo-15, etwa hundert Kilometer südlich von Moskau an. Der 44-jährige Offizier konnte nicht ahnen, dass er in den nächsten Stunden eine Rolle spielen würde, die ihm später den Beinamen «der Mann, der die Welt rettete» eintrug. Kurz vor Mitternacht schrillten im Kommandoraum die Sirenen, und auf dem übergrossen zentralen Kontrollschirm leuchtete in kyrillischen Buchstaben das Wort «Alarm» auf. Der Aufklärungssatellit Kosmos 1382 hatte über den USA, wo es später Nachmittag war, einen Lichtblitz wahrgenommen und die Information weitergegeben: Start einer Minuteman-Rakete, Kurs: Sowjetunion. Petrow behielt die Ruhe und mahnte seine Untergebenen, sich nicht irritieren zu lassen.

Stanislaw Petrow wurde im Februar 2013 mit dem Dresden-Preis ausgezeichnet.
Stanislaw Petrow wurde im Februar 2013 mit dem Dresden-Preis ausgezeichnet.(Keystone / EPA)

 

Gemäss der im Kalten Krieg herrschenden Logik würde ein Nuklearkrieg zwischen den Supermächten mit einem massiven Erstschlag beginnen, mit dem Start von vermutlich Hunderten von Interkontinentalraketen aus Silos, wie sie die USA vor allem im Mittleren Westen hatten, sowie von Unterseebooten aus. Ein solcher Erstschlag hätte das theoretische Ziel gehabt, den Gegner nuklear zu «enthaupten», doch wussten Strategen im Pentagon wie im Kreml, dass die rund 25 Minuten vom Start bis zum Einschlag nach der Lehre von MAD («mutual assured destruction») gerade ausreichen würden, die eigenen Raketen zur Vernichtung des Angreifers auf ihre Reise über den Nordpol zu schicken. Eine Rakete allein, das war Petrow bewusst, war kein cleverer Ansatz zu einem nuklearen Showdown.

Petrows Logik und Zuversicht wurden wenige Minuten später auf eine entsetzliche Probe gestellt. Denn Kosmos 1382 gab abermals Alarm: Vier weitere Raketen sah der Satellit als gestartet und auf dem Weg in Richtung Sowjetunion an. Fünf Minutemen mit jeweils zehn Sprengköpfen – es war das Mehrhundertfache der Vernichtungskraft der Bomben von Hiroshima und Nagasaki. Die rund 200 Offiziere unter Petrows Kommando gingen eine Serie von fast dreissig Überprüfungsmassnahmen durch, um einen Irrtum auszuschliessen, doch die Zeit wurde knapp. Man bedrängte Petrow, der militärischen und der politischen Führung umgehend Meldung zu machen; für eine Entscheidung über den sowjetischen Gegenschlag standen kaum noch 15 Minuten zur Verfügung. Petrow mag sich in diesen chaotischen Minuten verdeutlicht haben, wen er mit seiner Alarmmeldung zum Handeln drängen würde: den Parteichef Juri Andropow, einen schwer nierenkranken, an Diabetes leidenden 70-Jährigen, der wie weite Teile der Sowjetführung angesichts der verhärteten amerikanischen Haltung die Grenzen zur Paranoia zumindest zeitweise tangierte.

Petrow traf nach rund fünf Minuten des Überlegens, des Argumentierens mit seinen Kollegen, auch des gegenseitigen Anschreiens, seine Entscheidung, über die er später sagte: «Ich hatte ein komisches Gefühl in der Magengegend.» Er entschied, die Führung nicht zu alarmieren. Er erfuhr bald, wie recht er hatte. Die Schirme der Radarstationen auf sowjetischem Territorium, die einfliegende Raketen melden würden, blieben frei von leuchtenden Symbolen. In den fernen Raketensilos in Montana und North Dakota leisteten die amerikanischen Offiziere ihren Routinedienst, niemand drehte dort die Schlüssel in der Zündkonsole um. Was Kosmos 1382 gesehen hatte – dies fand man bald heraus –, waren Reflexionen des Sonnenlichtes in Wolkenschichten hoch in der Atmosphäre über den USA.

Weder belohnt noch bestraft

Stanislaw Petrow verliess im Jahr darauf aus privaten Gründen das Militär. Eine Kommission fand heraus, dass er sich korrekt verhalten hatte; er wurde, wie er später sagte, weder bestraft noch belohnt. Erst viele Jahre später, nach Ende des Kalten Krieges, wurde die Episode im Westen bekannt. Wie paranoid die Sowjetführung in jenen Tagen war, zeigten Enthüllungen über Andropows Sorge, die Nato-Stabsübung «Able Archer» im November könnte ein Vorwand zu einem allumfassenden Nuklearangriff sein. Eine Alarmmeldung von Oberstleutnant Petrow hätte in dieser Stimmungslage dem sprichwörtlichen Streichholz am Benzinkanister entsprochen.

Petrow, der ein bescheidenes Rentnerdasein führt, wurde 2006 in New York mit dem World Citizen Award ausgezeichnet; ein bei diesem Anlass entstandenes Interview mit dem berühmten amerikanischen Fernsehjournalisten Walter Cronkite wurde Teil des Dokumentarfilms «The Man Who Saved the World». Im Februar wurde Petrow zudem der mit 25 000 Euro dotierte Dresden-Preis verliehen.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/auslandnachrichten/haarscharf-an-einem-atomkrieg-vorbei-1.18156078

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