Die Wurzeln des Bürgerkrieges in Syrien und mögliche schwierige Wege, ihn zu beenden! In Syrien leben verschiedene Glaubensgemeinschaften seit Jahrhunderten zusammen. Die Diktatur und die Misswirtschaft des Regimes Asad verschärften die religiösen und ethnischen Gegensätze und führten zum Bürgerkrieg. Dazu kam die interessierte Einmischung von Außen, von den despotischen Monarchien am Golf und westlichen Mächten, die schon seit Jahren den Sturz Assads auf der Agenda hatten!

Zersplitterung der Gesellschaft

Wurzeln des syrischen Bürgerkriegs

Auslandnachrichten Dossier: Intervention in Syrien? Freitag, 06:00
Für sunnitische Widerstandskämpfer in Syrien ist der Koran eine Quelle der Hoffnung.
Für sunnitische Widerstandskämpfer in Syrien ist der Koran eine Quelle der Hoffnung. (Bild: Keystone / AP)
In Syrien leben verschiedene Glaubensgemeinschaften seit Jahrhunderten zusammen. Die Diktatur und die Misswirtschaft des Regimes Asad verschärften die religiösen und ethnischen Gegensätze und führten zum Bürgerkrieg.
Emanuel Schäublin

Seit Jahrhunderten leben im Gebiet des heutigen Syriens Menschen mit verschiedenen Religionen zusammen. Laut dem syrischen Architekturprofessor Nasser Rabbat, der am Massachusetts Institute of Technology lehrt, hatten sich zahlreiche Religionsgemeinschaften gerade deswegen in Syrien niedergelassen, weil sie sich hier vor den Verfolgungen, die ihnen anderswo widerfahren sind, sicher fühlten. In Syrien trafen griechische, römische und semitische Einflüsse aufeinander. Ausdruck davon ist die religiöse Vielfalt.

(NZZ)

Nationalstaat und Diktatur

Die Grenzen des modernen syrischen Nationalstaats wurden nach dem Ersten Weltkrieg von denKolonialmächten Frankreich und England gezogen. 1946 wurde in Syrien eine unabhängige Republik ausgerufen. Nach jahrelangen inneren Machtkämpfen setzte sich Hafez al-Asad 1971 durch und liess sich mit 99 Prozent Zustimmung zum Staatspräsidenten wählen. Hafez al-Asad stammt aus der Minderheit der Alawiten, die zurzeit lediglich etwa 11 Prozent der syrischen Bevölkerung ausmacht. Volkszählungen gibt es nicht, weil die Ergebnisse politisch zu brisant wären. Nach Schätzungen der Columbia-Universität aus dem Jahr 2000 sind 68 Prozent der Einwohner Syriens sunnitische Muslime und 11 Prozent Christen.

Daneben gibt es verschiedene kleine Religionen, die meist gnostische Ursprünge haben. Zur Gnosis werden Kulte gezählt, die aus dem Zusammenfliessen von griechischer Philosophie und semitisch-monotheistischen Vorstellungen hervorgegangen sind. In Syrien werden vor allem die Drusen (rund 3 Prozent der Bevölkerung) und die Alawiten, die neuplatonische mit islamischen Einflüssen vereinen, als Gnostiker bezeichnet. Zudem leben in Syrien etwa 10 Prozent Kurden, die fast alle Sunniten sind.

Hafez al-Asad unterdrückte jegliche Opposition mit brutaler Gewalt und baute mehrere Polizeiapparate auf, deren Spitzen er gegeneinander ausspielte. Unter Berufung auf Notstandsgesetze liess er Tausende von Syrern in überfüllten Verliesen verschwinden, wo sie jahrelang auf engstem Raum leben mussten und regelmässiger Folter ausgesetzt waren. 1982 kam es zu einem bewaffneten Aufstand der Muslimbrüder in der Stadt Hama, welcher mit grosser Härte niedergeschlagen wurde. Die Sicherheitskräfte töteten damals 20 000 bis 30 000 Menschen. Neben Islamisten wurden auch linke Oppositionelle verfolgt, wobei beide Lager in separaten Gefängnissen untergebracht wurden.

Filmklubs und Lesezirkel

Nach Hafez al-Asads Tod kam 2000 sein Sohn Bashar an die Macht. Bashar war im Westen ausgebildet worden und versprach, das Land aus der Isolation zu führen und für westliche Investitionen zu öffnen. Von seinem Auftreten geblendet, erhofften sich viele Syrer Reformen und eine Abkehr von der autoritären Regierungsform seines Vaters. Bashar wagte einen Spagat. Einerseits gewährte er der gebildeten Oberschicht immer grössere politische Freiheiten. Solange man sich nicht über den Herrscher selbst mokierte, konnten vor 2011 auch heikle Themen mehr oder weniger öffentlich angesprochen werden. Zögerlich entstanden in Damaskus Filmklubs und Lesezirkel, die einen Bruch mit der Vergangenheit markierten. Andererseits schaffte Bashar es nicht, die Polizeiapparate umzubauen. Dies hätte bedeutet, ihre Macht einzuschränken und an demokratische lokale Autoritäten zu übertragen.

Vor diesem Hintergrund kam es erneut zu politischen Verhaftungen, und die Arme der Geheimpolizei reichten überall hin. Beobachter schätzen, dass 2011 eine Million Syrer für die Polizeiapparate arbeiteten. Die wirtschaftliche Öffnung lockte zwar Investitionen an. Doch konnte der Verdacht nicht zerstreut werden, dass sich vor allem Vertraute des Präsidenten am Geschäft mit dem Ausland bereicherten.

Ursachen des Aufstands

Der Ausbruch des Aufstands in Syrien ist das Resultat des Zusammenspiels verschiedener Faktoren. Zwischen 2006 und 2010 wurde Syrien von einer verheerenden Trockenheitsperiode heimgesucht. Asad beging entscheidende Fehler in der Agrarpolitik. Er subventionierte Hartweizen oder Baumwolle, deren Anbau viel Wasser benötigt, und förderte ungeeignete Techniken der Bewässerung. Die Trockenheit vertrieb 1,5 Millionen Menschen aus ihren Dörfern. Viele zogen an die Ränder der grossen Städte.

Im Winter 2010/2011 schwappten Volksproteste, die in Tunesien und Ägypten begonnen hatten, nach Syrien über. In verschiedenen Provinzstädten gingen die Leute auf die Strasse. Zunächst gab es Anzeichen, dass der Präsident den Schwung der bis dahin friedlichen Proteste ausnutzen würde, um Reformen durchzusetzen. Doch in seiner ersten Rede nach dem Ausbruch des Aufstands zerschlug Asad diese Hoffnungen. Er sprach von einer internationalen Verschwörung gegen Syrien und übertrug die Verantwortung für den Umgang mit dem Aufstand den Polizeiapparaten. Die Protestierenden forderten den Fall des Regimes, und die oft im Dunkeln agierenden Polizeikräfte verübten Massaker an der Bevölkerung.

Warum verwandelte sich der Volksaufstand in einen Bürgerkrieg? Analytiker wieFareed Zakaria behaupten, das habe mit der Tatsache zu tun, dass das syrische Regime von einer minoritären Religionsgemeinschaft, den Alawiten, kontrolliert werde. Die bisher unterdrückte Mehrheit der Sunniten lehne sich gegen das Regime auf und wolle Vergeltung üben. Die These, Syrien stehe unter einem Regime der Alawiten, war jedoch bereits vor dem Ausbruch des Aufstands unter Beobachtern umstritten. Manche sagten, die Spitzen des Regimes seien zwar von Alawiten besetzt, diese hätten aber geschickt Angehörige anderer Religionsgruppen in ihre Herrschaft eingebunden. So befinden sich unter jenen, die von der Autokratie profitierten, Vertreter aller religiöser Gemeinschaften.

Während die grosse sunnitische Unterschicht stark benachteiligt wurde, zählten Vertreter der sunnitischen Mittel- und Oberschicht zu den Nutzniessern. Trotz dieser Tatsache wurde das Regime vor allem von der ländlichen Bevölkerung als alawitisch wahrgenommen. Viele Alawiten dienten als Beamte, von denen sich die Leute drangsaliert fühlten.

Andere sehen den Grund für den Ausbruch des Kriegs in der Schwäche des Regimes und den wirtschaftlichen Problemen. Zur Destabilisierung trug zudem die Einmischung der ausländischen Gegner des Regimes Asad bei. Vor allem die sunnitischen Länder Katar und Saudiarabien – beides autoritär geführte Staaten – begannen, Milizen gegen Asad zu unterstützen, um damit ihren Einfluss in der Region auszubauen. Die Unterstützung der Rebellen erfolgte monatelang in chaotischer Weise. Private aus den Ölmonarchien am Golf gründeten eigene Milizen, die extremistisches Gedankengut vertreten. Das Resultat ist ein verstärktes Misstrauen zwischen den Religionsgruppen. Vor allem Christen, Drusen und Alawiten fühlen sich von der sunnitischen Mehrheit immer mehr bedroht.

Klientelistische Netzwerke

Ein möglicher Friedensprozesses in Syrien steht vor der Schwierigkeit, dass sich die Gesellschaft unter der Herrschaft der Polizeiapparate in verschiedene klientelistische Netzwerke aufgespalten hat. Dies hat mitunter die Unterschiede zwischen den Religionsgruppen in einer Art hervorgehoben, die das Potenzial für Streit und gewaltsame Übergriffe stark erhöht hat. Ohne strukturellen Umbau der sozialen und politischen Institutionen lassen sich gesellschaftliche Spannungen in den kommenden Jahren kaum mildern. Angesichts dieser Lage sollten Forderungen nach demokratischer Selbstbestimmung und lokal legitimierten Autoritäten ernst genommen werden.

Eine weitere zentrale Herausforderung besteht darin, Kompromisse zwischen den islamistischen Vorstellungen – welche vor allem unter armen Sunniten verbreitet sind – und säkularen Ideen zu finden, ohne dabei die Interessen religiöser Minderheiten zu vernachlässigen. Ferner wird eine teilweise Auflösung oder zumindest ein Umbau der Polizeiapparate ins Auge gefasst werden müssen. Dies kann jedoch kaum geschehen, ohne dass heikle Fragen der Reichtumsverteilung angesprochen werden. Sollte in Syrien ein Dialog beginnen, müsste auch die überaus schmerzliche Vergangenheit, vor allem die Verbrechen der Sicherheitsapparate, aufgearbeitet werden.

 

Heikle amerikanische Waffenlieferungen in die Rebellengebiete

Die Amerikaner wollen mit den Schutzmächten des Regimes Asad, Russland und Iran, über eine Lösung des Syrien-Konflikts verhandeln. Zudem begannen sie vor einigen Wochen, leichte Waffen und Fahrzeuge an die Aufständischen zu liefern. Laut einem Bericht der «Washington Post» beläuft sich das derzeitige Hilfspaket auf 250 Millionen Dollar. Die Lieferungen erfolgen verspätet, weil die amerikanische Regierung nach eigenen Angaben zuerst Vertrauen zu moderaten Rebellen aufbauen wollte.

Ziel der Lieferungen ist es, die Aufständischen zu stärken. Dabei soll den moderaten Rebellen gegenüber islamistischen Hardlinern mehr Gewicht verliehen werden. Mit Hilfe von Katar und Saudiarabien sollen von geheimen Basen aus lokale Gremien der Aufständischen unterstützt werden. Die Mitglieder dieser Gremien werden individuellen Sicherheitsüberprüfungen durch die amerikanischen Geheimdienste unterzogen. So soll verhindert werden, dass die Hilfsgüter in den Händen von Organisationen enden, welche die amerikanische Regierung als terroristisch einstuft. Zu diesen gehören die beiden Ableger der Kaida in Syrien, die Nusra-Front und der Islamische Staat im Irak und in der Levante (Isil). Nichtmilitärische Hilfe soll nach Angaben der «Washington Post» auch in Gebiete fliessen, die unter der Kontrolle der Nusra-Front stehen. Offenbar will man mit Feuerwehrautos und Ambulanzen den Islamisten Konkurrenz machen und deren Popularität untergraben. Hauptpartner der Amerikaner ist der Oberste Militärrat der Freien Syrischen Armee (FSA) unter der Führung von General Salim Idriss. Der Militärrat wird im Ausland von der syrischen Nationalen Koalition (NK) vertreten. In den letzten Monaten kam es zu Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Rebellen. Der Isil, dem etwa 7000 bis 10 000 Kämpfer angehören, will äusserst strikte islamische Regeln zum Teil mit Waffengewalt durchsetzen. Dies stösst bei anderen Rebellen und der Bevölkerung offenbar häufig auf heftige Ablehnung. Die amerikanischen Lieferungen an die FSA haben den Zwist unter den Rebellen verstärkt. Um das Dorf Azaz an der türkischen Grenze kam es in den letzten Tagen zu Gefechten zwischen der FSA und dem Isil.

Azaz liegt auf einer wichtigen Versorgungsroute, auf welcher Waffen und humanitäre Hilfe in die von den Rebellen kontrollierten Gebiete im Norden gelangen. Vor dem Hintergrund dieser Kämpfe kam es zur Gründung einer neuen innersyrischen Allianz , welcher dreizehn Rebellengruppen angehören. Gegenüber dem Isil und der FSA bildet der Zusammenschluss ein drittes Lager, welches insgesamt mehrere zehntausend Kämpfer umfasst.

In einer gemeinsamen Mitteilung erklärten die Führer der Rebellenverbände, dass sie die NK nicht mehr als ihre legitime Vertreterin anerkennen. Auch wollen sie nur noch von Leuten repräsentiert werden, welche für die Revolution Opfer erbracht haben. Weiter rufen sie alle militärischen und zivilen Kräfte des Widerstands gegen Asad dazu auf, sich unter einem islamischen Rahmenabkommen zu vereinigen und die Scharia als einzige Quelle der Rechtsprechung anzuerkennen. Unter den Mitgliedern der Allianz finden sich neben der Nusra-Front einige der grössten islamistischen Rebellengruppen und nach Angaben von Beobachtern auch ehemalige Kämpfer der FSA.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/auslandnachrichten/ursachen-des-syrischen-buergerkriegs-1.18157303

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