Ein Telefonbuch, ein Spiegel, ein Turnschuh. Korane und Bibeln. “Das sind nicht nur Dinge, das sind Spuren, die etwas über die Träume der Menschen erzählen.” Von dem, was von den ertrunkenen Flüchtlingen vor Lampdusa bleibt! Warum fliehen Menschen aus Afrika? Was kann man tun? Ein Forschungbericht sucht Antworten: Vor den Toren Europas! Gucken wir weiter weg (spätestens zwei Tage nach dieser neuen Tragödie und lassen alles weiter so laufen), weil wir halt das Glück hatten, im reichen Teil der Erde geboren zu sein? Oder beteiligen wir uns daran, eine Reformbewegung aufzubauen, die zur Angleichung der Lebenbedingungen zwischen Afrika und Europa voranbringt? Wie einst von der von Willy Brandt geleiteten Nord-Süd-Kommission vorgeschlagen?

Ein Museum für die Erinnerungen

Versteckt liegt auch das Museum der Migranten. Es ist nur ein fensterloser Raum mit Steinboden, und doch voller Erinnerungen. Auf Holzbrettern lagert das, was die Flüchtlinge zurückgelassen oder verloren haben: ein Kamm, ein Topf, ein Aschenbecher. Ein Telefonbuch, ein Spiegel, ein Turnschuh. Korane und Bibeln.

“Das sind nicht nur Dinge, das sind Spuren, die etwas über die Träume der Menschen erzählen”, sagt Annalisa, die Köchin vom “Platz der Freiheit”. Mit Freunden hat sie die Fundstücke zusammengetragen, die am Strand oder auf dem “Friedhof der Boote” lagen, manches trugen auch die toten Flüchtlinge bei sich.

In einem Ordner haben Annalisa und ihre Mitstreiter Fotos gesammelt, die Bilder sind von Salzwasser verwaschen und von der Sonne vergilbt. Nur die Umrisse der Gesichter sind noch zu erkennen, mal lächelt eine Frau schüchtern in die Kamera, mal zeigen junge, selbstsichere Männer das Victory-Zeichen in die Kamera. “Die Fotos sind noch immer schön”, findet Annalisa, “sie sind Erinnerungen an verlorene Leben.”

Das Museum betreibt sie zusammen mit einem Freund seit ein paar Jahren. Die 400 Euro Miete kratzen sie selbst zusammen. Die lokale Regierung unterstützt sie nicht. “All das soll verschwiegen werden, als ob es nicht Teil der Insel ist”, sagt Annalisa. “Aber all das gehört eben zu Lampedusa.”

Lampedusa im Ausnahmezustand: Hilfe, Hass und ein Friedhof für Boote

Aus Lampedusa berichtet Katharina Peters

Es sind kleine Gesten, doch sie bewirken viel: Auf der italienischen Insel Lampedusa helfen die Bewohner den Tausenden Flüchtlingen – mal kochen sie, mal schenken sie Zigaretten. Doch einige Einheimische haben jetzt genug: Die Migranten schrecken Touristen ab, sagen sie.

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SPIEGEL ONLINE

“Noch ein bisschen Couscous?” Mit einer großen Kelle schaufelt Annalisa D’Ancona Gemüse und Nudeln auf Plastikteller. Vor ihr drängen sichFlüchtlinge. “Danke, das ist sehr freundlich”, sagt einer der Tunesier auf Französisch. “Greift zu, das ist für euch alle”, antwortet Annalisa auf Italienisch. Vier Kilogramm Pasta und zweieinhalb Kilogramm Couscous hat sie gekocht, alles gratis. Aber es ist längst nicht genug für alle da.

Fast 2000 Flüchtlinge sind noch auf Lampedusa, dieser kleinen Insel im Mittelmeer. Gemeinsam mit anderen Einheimischen hat Annalisa drei Kochtöpfe auf einen Platz im Herzen von Lampedusa geschleppt, er heißt ausgerechnet “Platz der Freiheit”. Eine spontane Aktion, sagt Annalisa, “gemeinsames Essen zeigt doch am besten Solidarität”.Es ist nicht das erste Mal, dass sie für Flüchtlinge kochen. Lampedusa liegt näher an Afrika als an Europa, und immer wieder schaffen es entkräftete Nordafrikaner hierher, die von einer besseren Zukunft träumen. Lange waren keine Boote mehr gelandet. Das Problem sei gelöst, verkündete der italienische Innenminister Roberto Maroni vollmundig im Juli vergangenen Jahres. Doch jetzt ist das Problem größer als je zuvor.

 

Und plötzlich ist Lampedusa wieder in den Schlagzeilen der Weltpresse.Wurden die Flüchtlinge früher schnell ins Auffanglager gebracht und hinter dem Metallgitter weggesperrt, schlendern sie nun durch die Straßen der kleinen Stadt, spielen Fußball, sitzen am Hafen. Die Polizei lässt die Tore zum Flüchtlingszentrum offen. Es sind einfach zu viele gekommen. Tausende Tunesier in einem Lager einzupferchen, das nur 800 beherbergt, das geht nicht. Ganz Lampedusa ist jetzt ein Auffanglager.“Wir sind eben im glücklichen Teil der Welt aufgewachsen”

Die Bewohner der Insel schwanken zwischen Wut und Gleichmut, zwischen Ablehnung und Hilfsbereitschaft. Was passiert, wenn die Männer kein Geld mehr für Essen haben? Was ist, wenn unter den Flüchtlingen auch Häftlinge sind, die aus dem Gefängnis fliehen konnten? Ein Mann in der Stadt sagt, er habe die Gefahr am eigenen Leib erfahren. Drei Tunesier hätten ihn angegriffen, sie hätten ihm in der Nacht in den Arm gestochen und mit einer Flasche das Bein verletzt. Er trägt jetzt einen großen Verband um den Arm und humpelt. “In Lampedusa”, sagt er, “wollen wir keine Illegalen mehr.”

Nicht alle hier teilen seine Meinung, vielleicht auch, weil sie selbst keine schlechten Erfahrungen mit den Flüchtlingen gemacht haben. Die Nordafrikaner wollten ein besseres Leben für ihre Familien, sagt ein Cafébesitzer und deutet auf seine Tochter, “ich wäre dann vielleicht auch nach Europa gekommen. Wir sind eben im glücklichen Teil der Welt aufgewachsen”. Die Bewohner von Lampedusa wollten helfen, aber auch sie hätten irgendwann keine Kraft mehr. Die Regierung müsse etwas tun, aber die sitzt in Rom, “weit weg”.

Noch ist keine Hochsaison in Lampedusa. Doch Maurizio Palmeri ist bereits jetzt besorgt: Er betreibt ein Hotel und fürchtet um sein Geschäft. “Wenn die Touristen die Fernsehbilder von den Flüchtlingen sehen, kommen sie vielleicht nicht mehr hierher”, sagt er.

Das türkisblaue Wasser und versteckte Buchten locken normalerweise die Urlauber an. Reiseveranstalter versprechen “warmes Licht, kreisende Möwen”, einfach “einzigartige und unvergessliche Ferien”. Zu dieser Jahreszeit ähnelt die Hauptstraße allerdings eher einer ausgestorbenen Westernstadt. Viele Rollläden sind heruntergelassen, einige Schaufenster mit Papier abgeklebt. Die Autos am Straßenrand werfen harte Schatten.

Und wer am Hafen entlangspaziert, stößt bald wieder auf das andere Lampedusa. Dort lagern die Kähne, mit denen die Einwanderer zur Insel gelangt sind – Boote, in Rot, Weiß und Blau gestrichen, für den Fischfang zusammengezimmert, nicht für die Flucht. Im Holz klaffen Löcher, Planken sind abgerissen, die Reling verrostet. Das Führerhaus des Schiffs mit der Aufschrift “HS 392” ist zerbrochen. Unter dem Bug der “Elemel” liegt eine Rettungsweste. Einen Tag, oft mehr, schlingern die Flüchtlinge so über die See. “Friedhof der Boote” nennen die Einheimischen diese Orte. Weiter im Inland, hinter dem Hafen, sollen Dutzende verrottete Kähne lagern.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/lampedusa-im-ausnahmezustand-hilfe-hass-und-ein-friedhof-fuer-boote-a-745985.html

Vor den Toren Europas?

Das Potenzial der Migration aus Afrika

Von Susanne Schmid, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Nürnberg

Der afrikanische Kontinent zählt seit Kurzem eine Milliarde Menschen. Das wirft sorgenvolle Fragen auf: Unter welchen Bedingungen werden Afrikaner leben? Wird der Kontinent ausreichend Existenzgrundlagen bieten oder werden viele zur Abwanderung gezwungen sein oder Afrika überhaupt verlassen wollen? Es stellt sich besonders die Frage nach dem so genannten Migrationspotenzial.

Was heißt Migrationspotenzial? Es bezeichnet die Abwanderungswilligen einer Region, die sich vor Ort keine Erfüllung von Lebenszielen versprechen und nur auf einen günstigen Zeitpunkt warten, um in eine aussichtsreichere Region zu gelangen. Dieses Potenzial entsteht immer aus einer Entwicklungs- und Wohlstandsdifferenz gegenüber Nachbarregionen und anderen Kontinenten.

Mit der Abwanderungsregion Afrika und der Zielregion Europa stehen sich sozio-ökonomisch, politisch und kulturell kontrastierende Räume in nächster Nähe gegenüber.
Die am besten dokumentierte Entwicklungsdifferenz ist die demographische. Im Jahre 2009 hat die afrikanische Bevölkerung die Milliardengrenze überschritten und wird aufgrund ihres hohen Wachstumstempos bis 2050 die zweite Milliarde erreicht haben. Grund hierfür sind die höchsten Geburtenzahlen der Welt von durchschnittlich 4,6 Kindern je Frau. Auch sind 41 Prozent der Afrikaner jünger als 15 Jahre.

Diese demographische Entwicklung auf ertragsarmem Grund und Boden allein wäre schon ein Grund für Abwanderung, doch sie steht außerdem in problematischer Wechselwirkung mit wirtschaftlichen und politischen Mangelfaktoren. Es wird geschätzt, dass 55 Prozent der erwerbstätigen Afrikaner höchstens 1 US-Dollar täglich zum Leben haben.

Ein Kontinent, der nur geburtenstarke Jahrgänge kennt und eine schwache Wirtschaft, wird die Heranwachsenden nicht im nötigen Umfang ausbilden und in Arbeit bringen können. Die Zahl der Menschen im Erwerbsalter wächst und somit diejenigen, die selbst für Arbeit in der heimischen Schattenwirtschaft dankbar sind, die in einer afrikanischen Nachbarregion nach Arbeit suchen oder nach Europa auswandern möchten.

Das Migrationspotenzial Afrikas dürfte aus politischen Gründen steigen, weil sich gerade auf diesem Kontinent Regierungsversagen, innere Machtkämpfe, politische Verfolgung und Menschenrechtsverletzungen häufen. In absehbarer Zeit ist keine Abnahme der innerafrikanischen Konflikte und der daraus hervorgehenden Flüchtlingsbewegungen zu erwarten. Eine schnell voranschreitende Demokratisierung der zumeist autoritären afrikanischen Regimes und eine rasche Stabilisierung zerfallender und zerfallener Staaten sind ebenfalls nicht absehbar.

Auch in der Klimadebatte gerät Afrika häufig ins Blickfeld. Es ist zwar der Kontinent mit den geringsten CO2-Emissionen, wird aber vom Klimawandel – so alle Voraussagen – am härtesten getroffen werden. Klimawandel und wachsender Bevölkerungsdruck auf natürliche Ressourcen wie Wasser und Boden werden extreme Wetterphänomene, Wassermangel und die Erosion der Böden verstärken. Das Schwinden natürlicher Existenzgrundlagen wird immer mehr Menschen betreffen und zum Verlassen der angestammten Region zwingen.

Allerdings vollzieht sich ein erheblicher Teil afrikanischer Wanderung auf dem Kontinent selbst und hat nicht Europa zum Ziel. In der Europäischen Union leben derzeit mindestens 5 Millionen afrikanische Staatsbürger. Nach den bisherigen Erkenntnissen werden Frankreich, Italien und Spanien die bevorzugten Zuwanderungsländer bleiben. In diesen drei Staaten leben jeweils zwischen 800.000 und 1,5 Mio. afrikanische Staatsangehörige, der jährliche Zuzug liegt bei jeweils 80.000 bis 140.000 Personen.

Irreguläre Grenzüberschreitungen, Menschenschmuggel und Menschenhandel sind Gegenstand großer Besorgnis in der Europäischen Union. Erschütternde Fernsehbilder von in Seenot geratenen Bootsflüchtlingen sprechen für sich. Dabei finden irreguläre Grenzübertritte auf dem Weg nach Europa bereits auf afrikanischem Boden statt.

Nach internationalen Schätzungen sollen in den letzten Jahren mindestens 70.000 Afrikaner jährlich die Sahara in Richtung der Maghreb-Staaten durchquert haben, um von dort aus nach Europa überzusetzen. Schätzungen besagen, dass jährlich rund 830.000 Personen – mit und ohne die Hilfe von Schleusern – irregulär in die EU migrieren – davon rund 120.000 über das Mittelmeer.

Was kommt auf Deutschland zu? Die Analysen ergeben, dass das Migrationspotenzial und die tatsächliche reguläre Zuwanderung aus Afrika auf vergleichsweise niedrigem Niveau von 20.000 bis 35.000 Zuzügen pro Jahr verbleiben dürfte. Doch die Aufgaben Deutschlands angesichts der Gesamtsituation sind beträchtlich.

So lange das Wohlstandsgefälle zwischen Europa und Afrika so erheblich bleibt, wird auch der Zuwanderungsdruck auf die Europäische Union insgesamt wachsen, denn die Last werden die südlichen Mittelmeerstaaten der EU nicht länger alleine tragen wollen. Und das wird den Handlungsdruck auf die EU-Instanzen erhöhen. Die EU muss ihre Migrationspolitik so gestalten, dass die vielen heranwachsenden Afrikaner Lebensperspektiven in ihrer eigenen Region finden.

Den Forschungsbericht “Vor den Toren Europas? Das Potenzial der Migration aus Afrika” finden Sie hier.

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/lesart/1142610/

Vor den Toren Europas? Das Potenzial der Migration aus Afrika

Datum27.01.2010
Bestellnummer:FFFB07
TypForschungsbericht

Vor den Toren Europas?

Die Studie “Vor den Toren Europas? Das Potenzial der Migration aus Afrika” liefert eine aktuelle und ausführliche Analyse der Faktoren, die auf dem afrikanischen Kontinent zukünftige Migrationen auslösen können.

Nach einer kurzen Einbettung des Begriffs Migrationspotenzial in migrationstheoretische Ansätze, werden vier Aspekte beleuchtet: 1) die demographischen Strukturen des afrikanischen Kontinents im Vergleich zu Europa, 2) die Entwicklung von Wirtschaft und Arbeitsmarkt, 3) politische Faktoren wie Regierungsformen und Konflikte, sowie 4) umweltrelevante Faktoren wie z.B. Auswirkungen des Klimawandels.

Die Ergebnisse werden in Bezug gesetzt zu den aktuellen regulären und irregulären Migrationsbewegungen zwischen Afrika und Europa sowie den bereits hier lebenden afrikanischen Bevölkerungen. Vor dem Hintergrund dieser Analysen der Entwicklung des Migrationspotenzials erfolgt eine qualitative Einschätzung der möglichen zukünftigen Migrationen innerhalb Afrikas, nach Europa und nach Deutschland.

Verfasserin der Studie: Susanne Schmid

Zum Forschungsbericht:

http://www.bmi.bund.de/cae/servlet/contentblob/872076/publicationFile/54527/

Nord-Süd-Bericht

Am 12. Februar 1980 legte die Nord-Süd-Kommission unter dem Vorsitz von Altkanzler Willy Brandt dem Generalsekretär derVereinten Nationen eine Studie mit dem Namen „Das Überleben sichern. Gemeinsame Interessen der Industrie- und Entwicklungsländer“ vor, die allgemein als Nord-Süd-Bericht oder Brandt-Report bekannt wurde.

Die Studie fordert eine Integration der unterprivilegierten Länder des Südens in die Weltwirtschaft und verlangt von denIndustrienationen, die Entwicklungsländer zu unterstützen. Zentrale Bedeutung schreibt der Bericht außerdem einer neuen Weltwirtschaftsordnung zu, die ein sowohl für Entwicklungs- als auch für Industrieländer verträgliches Weltwirtschaftssystem darstellen soll. Ebenfalls wird ein Zusammenhang von Aufrüstung und Armut in Ländern der Dritten Welt aufgezeigt.

Weblinks[Bearbeiten]

 

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