Das vergessene Sterben im Kaukasus: Ein Comic über die Tschetschenienkriege: Der italienische Autor Igort über die Darstellung des Unmenschlichen in Graphic Novels und den Wert des Lebens in Russland

Foto: Reprodukt Verlag

Ein Comic über die Tschetschenienkriege

INTERVIEW | LISA STADLER, 5. Oktober 2013, 11:00
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Der italienische Autor Igort über die Darstellung des Unmenschlichen in Graphic Novels und den Wert des Lebens in Russland

In seinen Graphic Novels beschreibt Igor Tuveri (mit Künstlernamen Igort) unter anderem politische Systeme, Kriege und deren Folgen für einzelne Personen. Igorts aktuelles Buch “Berichte aus Russland. Der vergessene Krieg im Kaukasus” beschäftigt sich mit den Gräueln der Tschetschenienkriege. Für die Recherche bereiste der Autor die ehemalige Sowjetunion und interviewte Augenzeugen sowie Insider. Darunter befinden sich auch Bekannte der kremlkritischen Journalistin Anna Politkowskaja, die hauptsächlich über die Tschetschenienkriege berichtete und am 7. Oktober 2006 ermordet wurde. derStandard.at sprach mit ihm über sein Werk.

Standard.at: Es ist nun sieben Jahre her, dass Anna Politkowskaja ermordet wurde. Wie denken Sie über die heutige politische Situation in Russland?

Igort: Ich bin weder Politologe noch Journalist, ich bin ein Geschichtenerzähler. Ein Autor, der Graphic Novels produziert. Was heute passiert, ist sehr traurig. Und dabei spreche ich noch gar nicht über die Khimki-Aktivisten, die getötet werden oder so lange verprügelt werden, bis sie im Rollstuhl sitzen. Ich spreche auch nicht über Pussy Riot, Nawalny oder darüber, dass Russland das syrische Regime unterstützt. Das ist nur die Spitze des Eisbergs.

derStandard.at: Warum wählten Sie gerade dieses Thema?

Igort: Ich habe rund zwei Jahre in der Sowjetunion gelebt und bin dort herumgereist. Das war eine harte Erfahrung, aber ich war immer noch der Privilegierte, der Glückliche, der ausdem Westen kam. Ich konnte dort beobachten, dass der Begriff Freiheit in der Sowjetunion einem ganz anderen Konzept entspringt und ganz anders wahrgenommen wird. Und das Leben dort hat fast keinen Wert. Es war für mich ein Schock, das zu erkennen, das brachte mich auch dazu, darüber zu schreiben.

derStandard.at: Wie wird das Format des Graphic Novelvon den Lesern und Leserinnen wahrgenommen, vor allem bei einem so ernsten Thema?

Igort: Ich denke, dass es heutzutage wichtig ist, eine eigene, echte Sprache zu finden um über die echten Probleme zu sprechen. Ich habe mich mittlerweile damit abgefunden, dass es Vorurteile gegenüber dem Format des Comics gibt, viele Menschen denken immer noch, dass das für Kinder ist. Mich kümmert das nicht mehr, ganz im Gegenteil: Mich interessiert diese Wahrnehmung sogar. Und zwar insoferne, dass das Format Comic die Aufmerksamkeit der Leser und Leserinnen auf meine “echten Geschichten” zieht. In manchen Ländern ist es anders, in Frankreich zum Beispiel werden ernste Comics in der Schule gelesen.

derStandard.at: Wie ist Ihre Herangehensweise an die Darstellung der Geschichte von Tschetschenien?

Igort: Bei meinen Reisen musste ich sehr viele brutale Dinge und auch grobe Menschenrechtsverletzungen mitansehen oder davon hören. Geschichte ist für mich nicht das Märchen von ein paar Helden, in meiner Vision ist Geschichte etwas, das sich massiv in jedermanns Leben widerspiegelt. Ich möchte die einfache Geschichte von einem einfachen Menschen erzählen, so wie ich einer bin. Ich möchte den Alltag schildern.

derStandard.at: Haben Sie Angst, über Anna Politkowsjaka und Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien so explizit zu schreiben?

Igort: Als ich die Personen aus dem engeren Kreis von Anna Politkowskaja kennenlernte sah ich vor allem eines: Den Willen, sich nicht den “offiziellen Versionen” über “Fakten” eines Regimes zu beugen. Angst ist in so einer Situation nur menschlich, aber die Empörung über Geschichtsfälschung ist stärker als die Angst. Deshalb möchte man die wahren Erlebnisse der Opfer und Zeugen verbreiten. Ich denke, dass jeder es verdient Geschichten über ganz normale Menschen zu erfahren, Geschichten, die wir uns gar nicht vorstellen könnten. (Lisa Stadler, derStandard.at, 5.10.2013)

Igort, mit bürgerlichem Namen Igor Tuveri, ist ein italienischer Comiczeichner. Er thematisiert in seinem aktuellen Buch “Berichte aus Russland” auch die Bemühungen der ermordeten JournalistinAnna Politkowskaja, auf die Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien aufmerksam zu machen. Politkowskaja veröffentlichte in der russischen Tageszeitung Nowaja Gaseta zahlreiche Artikel über die Tschetschenienkriege. Zudem schrieb sie mehrere Bücher zum Thema. Ihr Todestag jährt sich am Montag zum siebenten Mal.

Weiterführende Artikel:
Auszug aus dem Graphic Novel “Berichte aus Russland” von Igort (Achtung, enthält gewalttätige Szenen)
Der Tschetschenienkonflikt: Die wichtigsten Ereignisse im Überblick
Verlosung des Buchs “Berichte aus Russland”

 

Der vergessene Krieg im Kaukasus

ANSICHTSSACHE | LISA STADLER, 5. Oktober 2013, 11:00

Der italienische Autor Igor Tuveri (Künstlername Igort) schildert in seiner aktuellen Graphic Novel “Berichte aus Russland. Der vergessene Krieg im Kaukasus” Menschenrechtsverletzungen während der Tschetschenienkriege. Darin thematisiert er unter anderem die Bemühungen der Journalistin Anna Politkowskaja, eben diese Brutalitäten aufzuzeigen.

Politkowskaja wurde am 7. Oktober 2006 in Moskau ermordet, der Prozess wurde vor kurzem neu aufgerollt. Über die potenziellen Auftraggeber im Hintergrund ist weiterhin nichts bekannt. Igorts Schilderungen basieren auf Recherche in der ehemaligen Sowjetunion und Gesprächen mit Zeitzeugen, sie sind demnach nicht alle historisch gesicherte Fakten.

Der Verlag Reprodukt stellte derStandard.at freundlicherweise die Rechte für diese Veröffentlichung der ersten beiden Kapitel des Buches zur Verfügung.

Hinweis: Die Zeichnungen zeigen explizite Gewalthandlungen und können verstörend wirken.

Hintergrundinformationen:

– Im Interview mit derStandard.at erläutert der Autor Igort sein Werk. 
– Lesen Sie hier über die Chronologie des langwährenden Konflikts in der russischen Teilrepublik.

– Verlosung des Buchs von Igort.
(Lisa Stadler, derStandard.at, 5.10.2013)

Konfliktregion Tschetschenien

INFOGRAFIK | LISA STADLER, 5. Oktober 2013, 11:00

Eine Chronologie der Konflikte in der russischen Teilrepublik

Jahre nachdem der zweite Krieg offiziell beendet wurde, ist Tschetschenien immer noch von den Folgen derKonflikte betroffen und Gewalt an der Tagesordnung. (Lisa Stadler, derStandard.at, 5.10.2013)

Als Quellen für die Erstellung der Chronologie dienten unter anderem folgende Bücher: “Der Krieg im Schatten. Rußland und Tschetschenien”, herausgegeben von Florian Hassel, erschienen im Suhrkamp Verlag; “Tschetschenien” von Anna Politkowskaja, erschienen im Fischer Verlag; “Russland nach Anna Politkowskaja” von Garri Kasparow, erschienen im Passagen Verlag.

Weiterführende Artikel:
Auszug aus dem Graphic Novel “Berichte aus Russland” von Igort (Achtung, enthält gewalttätige Szenen)
Interview mit dem Autor Igort

http://derstandard.at/1379291119510/Konfliktregion-Tschetschenien

 

foto: igort, verlag reprodukt
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