Bis zu 600 000 Menschen sind in Mauretanien trotz Verbot versklavt. Der Menschenrechtler Biram Dah Abeid wünscht sich mehr Druck gegenüber dem nordwestafrikanischen Staat.

Leibeigenschaft in Mauretanien

Die Sklaverei ist nicht verschwunden

Auslandnachrichten Freitag, 27. September, 06:00
Tichit, in der Wüste Sahara, kratzen womöglich versklavte Arbeiterinnen Salz aus dem Boden eines ausgetrockneten Sees.
Tichit, in der Wüste Sahara, kratzen womöglich versklavte Arbeiterinnen Salz aus dem Boden eines ausgetrockneten Sees. (Bild: Keystone / AP)
Bis zu 600 000 Menschen sind in Mauretanien trotz Verbot versklavt. Der Menschenrechtler Biram Dah Abeid wünscht sich mehr Druck gegenüber dem nordwestafrikanischen Staat.
Annegret Mathari, Genf

Obwohl seit 1981 verboten, ist die Sklaverei in Mauretanien noch immer an der Tagesordnung und de facto straffrei. 2007 führte das Parlament im nordwestafrikanischen Wüstenstaat ein Gesetz ein, das Sklaverei mit Gefängnis von 5 bis 10 Jahren bestraft. Und die Verfassungsreform von 2012, die den multiethnischen Charakter des Landes bekräftigt, bezeichnet Sklaverei als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. «Aber der Staat selbst unterstützt und finanziert den Widerstand gegen die Umsetzung des Gesetzes», sagt der Menschenrechtsverteidiger Biram Dah Abeid. Denn zu diesen Widerstandsgruppen zählten Gouverneure, Richter, Polizeioffiziere und Minister, die alle selbst über Sklaven verfügten.

Frauen und Kinder

Abeid ist Präsident der 2008 gegründeten Organisation L’Initiative de Résurgence du Mouvement Abolitionniste en Mauritanie (IRA), die von der Regierung jedoch nicht zugelassen ist. Von den 3,8 Millionen Einwohnern Mauretaniens sind 20 Prozent arabisch-berberische Mauren und 80 Prozent Schwarze. 30 Prozent der Bevölkerung gehören den schwarzafrikanischen Ethnien Peul, Soninke oder Wolof an. Die Hälfte der Bevölkerung sind die offiziell so genannten schwarzen Mauren, von denen 30 Prozent Haratin sind. Mit diesem Wort werden freigelassene Sklaven und deren Nachkommen bezeichnet, die sich heute – zusammen mit den 20 Prozent noch versklavten schwarzen Mauren – als eigene Ethnie verstehen. Laut IRA sind noch zwischen 500 000 und 600 000 Personen versklavt, mehrheitlich Frauen und Kinder. Die Väter der Kinder sind oft die Sklavenhalter selbst.

Die Gesellschaft in Mauretanien umfasst verschiedene Schichten und Kasten. So verfügten traditionell auch die Peul, Soninke und Wolof über Sklaven, viele wurden jedoch freigelassen. Auch ein Teil der Mauren zählt zu den niederen Kasten.

Die IRA hat nach den Worten von Abeid Dutzende versklavter Frauen und Kinder befreit. Weiter organisiert die IRA Märsche gegen Leibeigenschaft und Diskriminierung. Die Organisation geht gegen Sklavenhalter vor Gericht und veranstaltet Sit-ins vor Gerichtsgebäuden, an denen sich bis zu 15 000 Personen beteiligen, denn oft weigern sich die Gerichtshöfe unter dem Druck der Eliten, eine Klage zu behandeln. Die Haratin sind diskriminiert sowie politisch und wirtschaftlich marginalisiert. Die IRA fordert für sie auch Zugang zu Land. Von dem Geld, das die mauretanische Regierung von der EU für die freigelassenen Sklaven erhalte, sehen diese laut Abeid nichts.

«Wir fordern von Europa, Sanktionen gegen Mauretanien zu ergreifen, um die Sklaverei und die Diskriminierung abzuschaffen, wie das gegen Südafrika während der Apartheid der Fall war», sagt Abeid, der selbst zu den Haratin zählt. Mauretanien, eines der fünf Länder der Maghreb-Union und Mitglied der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (Cédéao), ist seit 2007 auch Mitglied von Euromed, einem Kooperationsabkommen der EU mit mehreren Mittelmeerstaaten. Euromed umfasst eine Klausel, welche die Einhaltung demokratischer Prinzipien und der Menschenrechte verlangt.

Abeid war mehrmals wegen seiner Aktivitäten gegen die Sklaverei im Gefängnis, das letzte Mal von Ende April bis September 2012. Er wurde zusammen mit elf andern IRA-Mitgliedern verhaftet, nachdem er öffentlich Werke des islamischen Rechts verbrannt hatte, die die Sklaverei rechtfertigen. Die Staatsanwaltschaft klagte die zwölf Männer nach Angaben der Internationalen Föderation der Menschenrechtsligen (FIDH) wegen Gefährdung der Staatssicherheit an. Anfang Mai 2012 kam es zu Demonstrationen, deren Teilnehmer den Vorfall als Blasphemie kritisierten und die Todesstrafe forderten. Gegendemonstrationen, die die Sklaverei verurteilten und die IRA-Mitglieder unterstützten, wurden von der Polizei unterdrückt; ein Demonstrant starb, er erstickte an Tränengas. Das Urteil gegen Abeid, der im letzten Frühling den Preis für Menschenrechtsverteidiger der irischen Organisation Frontline Defenders erhielt, ist noch hängig. Mauretanien tut sich schwer mit dem Aufbau einer demokratischen Gesellschaft. Die Regierung von Präsident Mohamed Ould Abdelaziz reagiert nicht nur gegen Menschenrechtsverteidiger, sondern auch gegenüber streikenden Arbeitern und protestierenden Studenten mit Repression. Mauretanien hat zwar mehrere Uno-Konventionen unterzeichnet, hält sie aber kaum ein.

Ein Tabu

Laut FIDH steht die Justiz im Dienst der Exekutive, während die Polizei straffrei gegen Menschenrechte verstösst. Folter im Gefängnis sei weit verbreitet. In einem Bericht vom Dezember 2012 kommt die FIDH zum Schluss, dass die Sklaverei noch immer ein Tabu sei. Da die genaue Zahl der versklavten Menschen im Land unbekannt sei, könne die Regierung behaupten, Sklaverei existiere nicht. Die Behörden sprächen vielmehr vom Phänomen der «Gens de Maison». Laut FIDH ist klar, dass dieser Status zahlreiche Menschenrechtsverletzungen mit sich bringt wie Zwangsarbeit, physische Gewalt und Vergewaltigung, wobei die Hauptopfer Frauen und Kinder seien. Die Uno-Berichterstatterin über Sklaverei, Gulnara Shahinian, hielt im August 2010 fest, dass noch niemand aufgrund des Anti-Sklaverei-Gesetzes von 2007 verurteilt worden war. Im Mai 2013 sagte der mauretanische Menschenrechtsbeauftragte Mohamed Abdallahi Khattara vor dem Uno-Komitee gegen Folter, die Staatsanwaltschaft ermittle zu 15 Klagen wegen Sklaverei. Ein Gericht in Nouakchott habe 2011 zudem in Fällen von versklavten Kindern Urteile verhängt. Die IRA kritisiert, dass selbst verurteilte Sklavenhalter nach kurzer Zeit auf freien Fuss gesetzt werden. Lokale und internationale Organisationen sowie die Uno-Berichterstatterin Shahinian fordern, dass Menschenrechtsorganisationen als Zivilkläger auftreten können, denn oft wagten Sklaven nicht, ihren Besitzer anzuklagen

http://www.nzz.ch/aktuell/international/auslandnachrichten/die-sklaverei-ist-nicht-verschwunden-1.18157241

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