Archive

Alliance for decent work for all worldwide

Feuer in Textilfabrik in Bangladesch: Mindestens neun Tote

9. Oktober 2013, 06:18

Die Polizei geht von mehr Todesopfern aus

Dhaka – Bei einem Brand in einer Textilfabrik in der Nähe der bangladeschischen Hauptstadt Dhaka sind am Dienstag mindestens neun Menschen ums Leben gekommen. Die Polizei ging davon aus, dass sich noch mehr Leichen in dem Gebäude in dem Industriebezirk 40 Kilometer nördlich von Dhaka befanden. Allerdings hätten sich nur relativ wenige Menschen während des Ausbruchs des Brandes in der Fabrik aufgehalten. Die Ursache des Brandes war noch unklar.

In Textilfabriken in Bangladesch hat es in den zurückliegenden Monaten immer wieder verheerende Unglücke gegeben. Im April war ein Fabrikgebäude in der Nähe von Dhaka in sich zusammengestürzt, dabei starben mehr als 1.100 Menschen, fast 2.500 wurden verletzt. Im November vergangenen Jahres starben mehr als 100 bei einem Brand. Häufige Ursachen waren unzureichende Sicherheitsvorkehrungen und Baumängel. Kleidung ist das Hauptexportgut von Bangladesch. (APA, 9.10.2013)

http://derstandard.at/1379293524140/Feuer-in-Textilfabrik-in-Bangladesch-Mindestens-neun-Tote

Keine Entschädigung für Opfer in Bangladesch

13. September 2013, 15:35
  • Die Opfer der Katastrophen in zwei Textilfabriken in Bangladesch fordern eine Entschädigung.

    vergrößern 645×430

    foto: ap/a.m. ahad

    Die Opfer der Katastrophen in zwei Textilfabriken in Bangladesch fordern eine Entschädigung.


Nur wenige Markenkonzerne nahmen überhaupt teil – “Wir sind sehr enttäuscht”

Dhaka/Genf – Die Opfer der Katastrophen in zwei Textilfabriken in Bangladesch müssen weiter auf eine langfristige Entschädigung warten. Zweitägige Verhandlungen zwischen Marken- und Zulieferfirmen sowie Behörden- und Arbeitnehmervertretern scheiterten am Donnerstagabend in Genf. Nur rund ein Drittel der eingeladenen Markenkonzerne hätten Vertreter geschickt, und nur ein einziges Unternehmen sei zu konkreten Zusagen bereit gewesen, teilte die Kampagne für saubere Kleidung (CCC) mit.

Abwesenheit großer Markenkonzerne

“Wir sind sehr enttäuscht”, sagte Ineke Zeldenrust von der CCC. Große Konzerne wie Walmart, Benetton und Mango hätten keine Vertreter zu den Verhandlungen geschickt. Lediglich die irische Textilkette Primark habe sich verpflichtet, allen betroffenen Familien drei weitere Monatsgehälter zu zahlen. “Wir hatten gehofft, viel mehr erreichen zu können.” Binnen zweier Wochen soll es aber weitere Verhandlungen geben.

Die Abwesenheit der großen Markenkonzerne zeige die völlige Gleichgültigkeit gegenüber den 1.900 Arbeitern, die bei den beiden Katastrophen verletzt wurden, sowie den Angehörigen der mehr als 1.200 Arbeiter, die ums Leben kamen, kritisierte die Kampagne. Zu den Verhandlungen seien 29 Markenfirmen eingeladen worden, nur neun seien der Einladung gefolgt – aus Deutschland nur der Textildiscounter Kik.

Entschädigungsmodell präsentiert

Bei den Gesprächen hinter verschlossenen Türen ging es um den Brand in der Textilfabrik Tazreen im vergangenen November, bei dem 110 Menschen starben, und um den Einsturz des Rana Plaza, bei dem im April mehr als 1.100 Menschen ums Leben gekommen waren. Die CCC verlangt langfristige Entschädigungen für die Familien der Opfer, die ihren Haupternährer oder die Haupternährerin verloren haben. Zusammen mit der Gewerkschaft Industriall und dem Konsortium für Arbeitnehmerrechte (WRC) präsentierte sie ein Entschädigungsmodell, das von Markenkonzernen und Zulieferern schon bei früheren Fabrikunglücken in Bangladesch angewendet worden war. Es sieht Ausgleichszahlungen für Einkommensverluste und Schmerzensgeldzahlungen vor.

Nach Schätzungen der CCC sind umgerechnet rund 4,8 Millionen Euro nötig, um die Opfer des Brandes in Tazreen langfristig zu entschädigen. Davon sollen die Markenkonzerne 2,1 Millionen Euro übernehmen. Für die Hinterbliebenen der Opfer von Rana Plaza fordert die Organisation rund 56 Millionen Euro, von denen die Konzerne 25 Millionen Euro zahlen sollen. Bisher haben Opfer der Unglücke aber nur Einmalzahlungen erhalten.

Forderung nach stärkerer Überwachung der Textilindustrie

EU-Handelskommissar Karel de Gucht forderte von der Regierung in Bangladesch eine stärkere Überwachung der Textilindustrie. Komme das Land dem nicht nach, werde die EU bestehende Abkommen kündigen, drohte der EU-Kommissar in einem Interview mit “Zeit Online”. Das Land müsste dann normale Einfuhrzölle auf exportierte Waren zahlen. Bisher ist Bangladesch davon befreit.

Mit dem internationalen Brandschutz-Abkommen für die Textilindustrie in Bangladesch hatte das Treffen in Genf nichts zu tun. Dem Abkommen hatten sich nach öffentlichem Druck rund 80 hauptsächlich europäische Textilketten angeschlossen. (APA, 13.9.2013)

http://derstandard.at/1378249059095/Entschaedigungsverhandlungen-fuer-Opfer-in-Bangladesch-gescheitert

Bangladesch: Regierung plant höhere Löhne für Textilarbeiter

12. Mai 2013, 16:39
  • Bergungsarbeiten nach dem Einsturz eines Fabrikgebäudes nahe Dhaka.
    foto: ap/a.m. ahad

    Bergungsarbeiten nach dem Einsturz eines Fabrikgebäudes nahe Dhaka.


Ausschuss zur Einführung eines höheren Mindestlohnes eingerichtet

Dhaka – Die Regierung in Bangladesch hat nach den schweren Fabrikunfällen im Textilsektor höhere Löhne für die Arbeiter der Branche angekündigt. Für den Sektor sei ein Ausschuss zur Einführung eines höheren Mindestlohnes eingerichtet worden, an dem sowohl Gewerkschaften als auch Fabrikbesitzer teilnehmen sollten, sagte Textilminister Abdul Latif Siddique am Sonntag der Nachrichtenagentur AFP. “Kein Zweifel, die Löhne werden erhöht.” Die Regierung habe bei ihren Überlegungen auch die steigenden Lebenshaltungskosten der mehr als drei Millionen Arbeiter in der Branche berücksichtigt, sagte Siddique.

Der Durchschnittslohn liegt in der Branche derzeit bei weniger als 40 Dollar (rund 30 Euro) im Monat. Papst Franziskus hatte von “Sklavenarbeit” in Bangladeschs Textilindustrie gesprochen. Besonders problematisch sind die teils lebensgefährlichen Arbeitsbedingungen, da in Bangladesch die Sicherheitsvorkehrungen oft nicht eingehalten werden.

Bei dem Einsturz eines mehrstöckigen Fabrikgebäudes nahe der Hauptstadt Dhaka vor knapp drei Wochen waren mehr als 1.100 Menschen getötet worden. Das Unglück sorgte für massive Proteste gegen die Arbeitsbedingungen und mangelnden Sicherheitsvorkehrungen in den Textilfabriken des Landes, in denen vor allem auch zahlreiche westliche Marken ihre Kleidung produzieren lassen. (APA, 12.5.2013)

http://derstandard.at/1363710729947/Bangladesch-Regierung-plant-hoehere-Loehne-fuer-Textilarbeiter

Textilketten beugen sich Protesten

14. Mai 2013, 10:30
  • Datei-IconStudie zu den Arbeitsbedingungen in Bangladesch. Ende April starben bei einem Fabrikeinsturz in Dhaka mehr als 1.100 Menschen.

Ein Abkommen von H&M, Zara, Tchibo, C&A und anderen soll Katastrophen wie jene in Bangladesch verhindern

Stockholm/Dhaka/Berlin – Die weltgrößten Bekleidungskonzerne H&M und Inditex (Zara) wollen nach dem verheerenden Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch mit mehr als 1.100 Toten und darauffolgenden Protesten die Arbeitsbedingungen in dem asiatischen Land verbessern. Man werde einer entsprechenden Vereinbarung zustimmen, teilte H&M-Managerin Helena Helmersson mit. Ein Inditex-Sprecher bestätigte, dass auch der spanische Konzern dabei sein werde.

Aus Deutschland wollen sich die Modekette C&A und der Konsumgüterhersteller Tchibo beteiligen. Auch der Textildiskonter Primark will das Abkommen unterzeichnen.

Auch Wal-Mart und Gap aufgefordert

Die Internationale Arbeitsorganisation, Gewerkschaften wie Industriall und andere haben die auf fünf Jahre angelegte Vereinbarung ausgehandelt, deren endgültiger Entwurf am Mittwoch veröffentlicht werden soll. Ein Industriall-Sprecher forderte andere Einzelhändler wie Gap und Wal-Mart auf, sich anzuschließen. Die Calvin-Klein-Mutterfirma PVH (Calvin Klein/Tommy Hilfiger) habe signalisiert, sich ebenfalls mit einem Millionenbetrag beteiligen zu wollen.

Die neuen Regeln beinhalteten eine Stärkung der Arbeitsrechte, eine höhere Gebäudesicherheit mit mehr Brandschutz, bessere Ausbildung sowie finanzielle Unterstützung. Das Abkommen soll einen Schlussstrich unter die Serie von Unglücken in der Textilindustrie von Bangladesch ziehen, die die großen Bekleidungshersteller in Verruf brachte. Ihnen wird vorgeworfen, die Bewohner des Landes als billige Arbeitskräfte zu missbrauchen.

Das schwerste Unglück ereignete sich Ende April bei Dhaka. Kurz vor Ende der Rettungsarbeiten liegt die Zahl der Toten bei 1.127.

Lob von Aktivisten

Die Clean-Clothes Kampagne-begrüßte das Vorhaben. Damit wachse der Druck auf andere wichtige Akteure der Branche, es ihnen gleichzutun, sagte Michaela Königshofer, Sprecherin der Kampagne in Österreich. Ein Kernstück des Abkommen sei die Kostenbeteiligung. Die unterzeichnenden Markenunternehmen verpflichten sich, für Instandhaltungskosten in ihren Zulieferbetrieben aufzukommen und damit die Arbeitsplätze sicherer zu machen. (APA, 14.5.2013)

http://derstandard.at/1363710910858/Textilketten-wollen-asiatische-Billigfabriken-sicherer-machen

Fairphone Ein Gadget für das gute Gewissen

01.10.2013 13:00 Uhrvon

Im Kongo werden die für die Mobilfunk-Produktion nötigen Metalle unter erbärmlichen Umständen gewonnen, so wie in dieser Kupfermine. Die Arbeit ist hart und gefährlich – und finanziert Warlords. Foto: Fairphone
Im Kongo werden die für die Mobilfunk-Produktion nötigen Metalle unter erbärmlichen Umständen gewonnen, so wie in dieser Kupfermine. Die Arbeit ist hart und gefährlich – und… – Foto: Fairphone

40 verschiedene Rohstoffe braucht man für die Herstellung von Smartphones. Abgebaut werden sie oft in Kriegsgebieten. Ein Holländer fand es aber zu einfach, die Verwendung der „Konflikt-Metalle“ nur zu kritisieren. „Wir brauchen ein besseres Produkt“, forderte Bas van Abel und entwickelte das „Fairphone“.

    • Information zum Datenschutz
    • Soziale Netzwerke dauerhaft einschalten

Eine Million Euro! Sollte er die einfach so nach China überweisen? An eine Firma, die kaum jemand kennt? Und das auch noch auf Pump, geliehen von vertrauensvollen Kunden, die für ein Produkt zahlen, das es noch gar nicht gibt?

Es waren sechs bange Wochen in diesem Sommer, als Bas van Abel mit dieser sehr riskanten Entscheidung rang. Gleich vier Mal reiste er zwischen Europa und China hin und her, bis er Ende Juli die Zahlung freigab und damit den Betrieb des wohl ungewöhnlichsten Unternehmens der globalen Elektronikbranche startete: Fairphone, eine kleine Firma in Amsterdam mit gerade mal 15 Mitarbeitern, wird bis Dezember 25 000 Smartphones produzieren lassen, wie es sie noch nie gab.

Nämlich ohne Ausbeutung und – soweit möglich – ohne Rohstoffe, deren Einkauf Krieg und Gewalt finanziert. „Fair“ soll es eben zugehen, wie der Name verheißt.

Bekannt sind fair gehandelte Bananen, Kaffee oder Textilien. Aber Elektronik?

Van Abel lächelt. „Klar doch, mit jedem Produkt, das wir kaufen, machen wir Politik, ob wir wollen oder nicht“, sagt er. Das gelte gerade auch für das Lieblingsspielzeug des modernen Konsumbürgers, den Taschencomputer mit Telefonfunktion. Nur gebe es da bisher „keine faire Alternative, und das werden wir ändern“, sagt er.

Das klingt nach Mission und Vision, und genauso ist es auch gemeint. Van Abel, 36 Jahre alt, studierter Designer und Ingenieur, ist dennoch kein herkömmlicher Politaktivist. Der Mann mit dem halblangen lockigen Haar, Drei-Tage-Bart und viel Charme ist eher ein Macher. Schon immer habe er an Geräten herumgebastelt, weil er „wissen wollte, aus was sie gebaut sind“, erzählt er.

 

Ein “naiver” Entschluss

Darum stieg er ein in die Welt von „Open Source“ und „Open Design“, jenes weltweite Netzwerk von Hackern und Ingenieuren, die gemeinsam neue Techniken ersinnen, um das Ergebnis mit allen zu teilen. Der allgemeine Nutzen zählt da mehr als der private Gewinn, und ginge es nach van Abel, „dann würden wir die ganze Wirtschaft so organisieren“. Deren größter Teil, die Produktion, sei aber „noch immer nur am privaten Gewinn orientiert, ohne öffentliche Teilhabe“, und bei ihm klingt es so, als handele es sich bei diesen Grundregeln des Kapitalismus um Relikte aus einer alten Zeit.

Müsste man nicht mal... Aus Bas van Abels Idee eines „sauberen“ Smartphones wurde eine Firma mit 15 Mitarbeitern und jetzt mehr als 16 000 Vorbestellungen. Foto: Fairphone
Müsste man nicht mal… Aus Bas van Abels Idee eines „sauberen“ Smartphones wurde eine Firma mit 15 Mitarbeitern und jetzt mehr als 16 000 Vorbestellungen. – Foto: Fairphone

 

Als Kreativdirektor bei der niederländischen Waag Society, einer gemeinnützigen Stiftung für „Kunst und Technik“, arbeitete er darum jenseits der groben Welt des Profits. Dann aber bat ihn ein Freund im Oktober 2010 für eine geplante Kampagne zur dunklen Seite des Mobilfunkgeschäfts um Rat.

Seit langem warnen Experten der Vereinten Nationen, dass die Warlords im Kongo mit den dort für die Elektronikproduktion geförderten Metallen Zinn, Tantal, Wolfram, Kupfer und Kobalt das Geld machen, mit dem sie ihre blutigen Feldzüge finanzieren. Darüber, so das Ziel der Kampagne, sollten die Verbraucher aufgeklärt werden, um Druck auf die Hersteller auszuüben, nicht länger „Konflikt-Metalle“ zu verarbeiten. Aufklärung sei nutzlos, ohne die Möglichkeit zum aktiven Handeln, hielt van Abel seinem Freund entgegen. „Wir brauchen ein besseres Produkt“, sagte er und legte gleich selbst los – ein „naiver“ Entschluss, wie er heute zugibt. Schließlich ist ein Smartphone ein komplexes Gerät aus Hunderten von Einzelteilen, für die an die 40 verschiedene Rohstoffe nötig sind. Vor dem fertigen Produkt stehen daher Lieferketten, die rund um den Planeten reichen. Wie sollte eine private Initiative da gegen Konzerne wie Apple oder Samsung antreten?

Schon die erste Reise in den Kongo im Frühjahr 2011 offenbarte denn auch harte Wahrheiten. Da suchten van Abel und zwei Mitstreiter Kupferminen, wo auch das für die Akkus benötigte Kobalt zu fairen Bedingungen gefördert und gekauft werden sollte. Aber um auch nur Videoaufnahmen machen zu dürfen, mussten sie „erst mal einen Minister bestechen“, bekennt er. Mit Schaudern. Anschließend lernten sie, dass es Hunderttausende einfache Arbeiter sind, die weit im Land verstreut in mühsamer Handarbeit die Erze ausgraben und stets in Gefahr sind, Opfer skrupelloser Ausbeuter und Milizionäre zu werden. Da war es unmöglich, im Alleingang eine halbwegs saubere Erzförderung zu organisieren. Auch die Gründung einer eigenen Firma erschien zunächst nicht machbar. „Noch bis Januar 2012 hatten wir keine Organisation und kein Geschäftsmodell, nur die Idee“, erzählt van Abel.

Die Idee aber zündete überall, wo er sie vorstellte. Immer häufiger kam die Anfrage, wann es denn das Smartphone zu kaufen gebe, an dem kein Blut klebt. So brauchte van Abel dringend Unterstützung und wandte sich an Hollands Mobilfunkanbieter KPN und Vodafone – mit überraschendem Erfolg. Spontan bestellten die KPN-Manager gleich 1000 Stück des imaginären Produkts und ihre Kollegen bei Vodafone vermittelten wertvolle Kontakte und Beratung.

 

“Verkauft Eure Seele nicht”

Von da an wurde es ernst. Van Abel begann ein Team aufzubauen, das heute 13 Mitarbeiter aus acht Nationen zählt und im fünften Stock eines umgebauten Hafenspeichers unweit des Amsterdamer Bahnhofs zwei Schreibtischzeilen eines Großraumbüros besetzt. Zwei weitere Kollegen sind in London und im chinesischen Chongqing beschäftigt. Sie alle könnten in der Industrie hohe Gehälter verdienen. Aber sie eint der Gedanke, dass sich an den Zuständen in der globalisierten Industrie etwas ändern soll.

Tessa Wernink etwa, aufgewachsen in Hongkong, hätte als vielsprachige Fachfrau bei einem großen PR-Konzern anheuern können. Doch das Abenteuer Fairphone reizte sie mehr. Genauso geht es Miquel Ballester, der als Student für „strategisches Design“ früh dazustieß. Der junge Spanier erkundete systematisch potenzielle Lieferanten für die Komponenten, machte daraus seine Masterarbeit und avancierte nun im Alter von gerade mal 30 Jahren zum Produktionsmanager. Gemeinsam mit van Abel entwickelte er den Geschäftsplan.

Prompt meldeten sich potenzielle Investoren, die mit den Ideen solcher Start-up-Unternehmungen ihr Geld verdienen. Aber in diesem Moment belohnte das Glück die Mutigen.

Sie sollten ihre „Seele nicht an Venture-Kapitalisten verkaufen“, riet ihnen ein erfahrener Manager der Telekomindustrie und stellte selbst 400 000 Euro Startkapital zur Verfügung, ohne selbst Auflagen zu machen. Er forderte lediglich einen passiven Anteil am Unternehmen von zehn Prozent und möchte öffentlich nicht genannt werden.

Als sich die Nachricht von der Allianz der Idealisten mit den Telefonkonzernen verbreitete, meldeten sich schließlich mehr als 50 000 Interessenten, die meisten davon aus Deutschland. „Wir sind mehr als ein Telefon, wir sind eine Bewegung“, deklarierten die Fairphone-Gründer und machten die Kunden zu einem Teil des Unternehmens. Jeden Schritt dokumentiert van Abels Crew seitdem im Internet und erfährt aus den Antworten, was die Käufer erwarten und welche Abstriche sie dulden. Daher ging es alsbald auch darum, unter welchen Bedingungen die Montage erfolgen sollte. Zur oft rücksichtslosen Ausbeutung der Wanderarbeiter in Chinas Elektronikfabriken musste eine Alternative gefunden werden, weil das den Kunden wichtig ist.

Fairphone Ein Gadget für das gute Gewissen

01.10.2013 13:00 Uhrvon

40 verschiedene Rohstoffe braucht man für die Herstellung von Smartphones. Abgebaut werden sie oft in Kriegsgebieten. Ein Holländer fand es aber zu einfach, die Verwendung der „Konflikt-Metalle“ nur zu kritisieren. „Wir brauchen ein besseres Produkt“, forderte Bas van Abel und entwickelte das „Fairphone“.

Ein bitteres Eingeständnis

 

Die Offenheit erzwang jedoch auch ein bitteres Eingeständnis: Ein vollständig fair hergestelltes Smartphone ist vorerst nicht erreichbar. „Meine größte Furcht war, dass die Leute uns dann nicht mehr mögen würden“, sagt van Abel. Doch die Interessenten blieben der Sache treu. Das Anliegen zählt mehr als dessen vollständige Erfüllung.

Ausgerechnet bei der Rohstoffbeschaffung müssen die Fairness-Pioniere große Kompromisse eingehen. Zu ihrem Glück können sie zumindest bei zwei der fünf umstrittenen Mineralien auf die Vorarbeit anderer bauen. Mit Förderung der niederländischen Regierung gründeten die Konzerne Philips und Motorola gemeinsam mit Hilfswerken im Herbst 2012 die „Conflict-Free Tin Initiative“. Der gelang mitten in der Kriegsprovinz Süd-Kiwu ein kleines Wunder.

In der Mine „Kalimbi“ entstand eine sichere und überwachte Produktion für Cassiterite, das Erz zur Gewinnung von Lötzinn. Mehr als 1000 neue Jobs gibt es nun, und die Einkommen der Bergwerker haben sich verdoppelt. Schon in den ersten drei Monaten bis Januar förderten die gut 200 Tonnen Erz im Wert von rund 1,7 Millionen Dollar. In verplombte Säcke verpackt, wurde es an eine Zinnhütte nach Malaysia exportiert, die das extrahierte Metall wiederum an zwei Hersteller von Lötpaste in Nordamerika lieferte. Diese geben es an jene Elektronikproduzenten weiter, die explizit konfliktfreies Lötzinn aus dem Kongo bestellen, darunter jetzt auch Fairphone.

Ein ähnliches Verfahren etablierte die tschechische Firma AVX gemeinsam mit einigen Elektronikkonzernen unter dem Titel „Solutions for Hope“ für Tantal. Das aus dem Roherz Coltan gewonnene Metall ist wegen seiner Hitzebeständigkeit für die winzigen Kondensatoren, die kleinen Energiepuffer, in jedem Gerät unverzichtbar. Die neue Organisation erschloss drei Minen in der südlichen Kongoprovinz Katanga, von wo das Roherz erst zur Verhüttung nach China verschifft und anschließend in Puderform nach Tschechien geschickt wird. Die damit hergestellten Kondensatoren erhalten einen mikroskopisch kleinen Aufdruck, „SolfH“, der ihre Verwendung überprüfbar macht. Für Wolfram, Kobalt und Kupfer gibt es dagegen keine vergleichbar sicheren Quellen, gesteht van Abel. Das werde wohl „noch fünf Jahre dauern“.

Schwimmt das faire Smartphone also nur im Trend dessen, was die ganze Branche ohnehin tut?

 

Der chinesische Hersteller stellt sich der Überprüfung

Andreas Manhart, Autor eines Gutachtens zum Thema für den Industrieverband BDI, widerspricht. Bisher würden die großen Hersteller „nur gerade so viel tun, dass sie etwas vorzeigen können“. Um die Lage im Kongo zu verbessern, müsse das aber „positiv vermarktet werden“, damit es Nachahmer finde. Insofern gehe Fairphone „genau den richtigen Weg“, sagt Manhart.

Nicht minder schwierig verlief die Suche nach dem richtigen Produzenten. Mangels Herstellern in Europa führte an China kein Weg vorbei. Vergangenen März besuchten van Abel und Ballester daher dort zehn Unternehmen. Aber zumeist ignorierten ihre Gesprächspartner das Fair-Konzept völlig. Nur bei der Firma A’Hong, einem Joint Venture des Staatskonzerns Chahong mit privaten Teilhabern, hatten die Newcomer gleich doppelt Glück. Nicht nur waren die Manager bereit, sich auf die geforderte Überprüfung der Arbeitsbedingungen einzulassen. Sie boten zudem eine Lizenz für ein Smartphone aus eigener Entwicklung, das die Fairphoner ihren Anforderungen anpassen konnten. Doch was hat der Konzern davon, sich für ein paar tausend Exemplare eines noch dazu mit besonderen Komponenten bestückten Telefons den Auflagen eines Zwergunternehmens zu unterwerfen?

Conghua He, der verantwortliche Manager am Standort der Fabrik in der zentralchinesischen Megametropole Chongqing, ist da ganz offen. „Profit erwarten wir nicht“, sagt er. Wohl aber öffne die Zusammenarbeit „für uns einen Weg in den europäischen Markt“. Außerdem liege das faire Smartphone im Trend. „Die Kunden wollen Produkte, denen sie vertrauen können, auch bei der Herstellung“, sagt He. Dazu gehöre, dass, so wie jetzt vereinbart, unabhängige Gutachter die Lage der Arbeiter prüfen. Die entsprechende Untersuchung werde in Kürze veröffentlicht, unzensiert, „einschließlich der Stundenlöhne, da liegen wir über dem nationalen Durchschnitt“, versichert er. Sollte es dennoch Fälle geben, wo die Einkommen für ein auskömmliches Leben nicht reichen, haben beide Seiten Zuzahlungen aus einem Sozialfonds vereinbart, dem für jedes Gerät fünf Euro zufließen sollen.

 

Gleichwohl ist auch das nur ein erster Schritt. Über die Zustände bei den vielen Zulieferern vom „Touchscreen“ bis zum „Chipset“, dem technischen Kern, „wissen wir nichts“, gesteht van Abel. Aber die Liste aller Zulieferer ist offen zugänglich und ermöglicht im Prinzip eine Überprüfung. Das sei „in dieser Welt, wo kein Geschäft ohne Vertraulichkeitserklärung läuft, ein großes Zugeständnis“.

Alle Pläne wären freilich reine Theorie geblieben, wäre den Fairphonern nicht ein weiterer Coup gelungen. Auch als sie endlich wussten, womit, wie und wo ihr Traumprodukt zu produzieren wäre, hatten sie nicht annähernd genügend Kapital, um die Produktion zu starten. So setzten sie Mitte Mai alles auf eine Karte und warben bei ihren Unterstützern im Web um Bestellungen gegen Vorkasse. Das „schien uns sehr riskant“, erzählt Miquel Ballester, „wir haben gezittert.“ Aber schon nach drei Wochen hatten 5000 Käufer je 325 Euro ins Blaue bezahlt, und für van Abel kam die Stunde der Wahrheit, als er das Geld nach China überwies. Und das Risiko übernahm.

Seitdem geht es hektisch zu in dem engen Büro an der Amsterdamer Hafenkante. Schon sind die Bestellungen auf mehr als 16 000 gestiegen, und täglich kommen an die 100 dazu, vermutlich auch deshalb, weil das Angebot erstaunlich günstig ist. Die neuen Geräte bieten nicht nur ein gutes Gewissen, das sogar mit einer genauen Aufschlüsselung dessen beruhigt wird, wo genau das Geld hinfließt. Zudem sind sie mit einer modernisierten Android-Software und allen üblichen Modulen von der Satellitennavigation bis zur Kamera nicht schlechter als die Konkurrenz. Den günstigen Preis erklärt van Abel damit, dass keine Ausgaben für Marketing anfallen und sein „social enterprise“, mehrheitlich im Besitz der gemeinnützigen Waag-Stiftung, nicht auf Gewinn angelegt ist. Wenn die nun gelieferten 25 Prototypen die Tests überstehen und die Behörden sowie der Android-Lizenzgeber Google die nötigen Zertifikate erteilen, dann werden alle Käufer noch vor Weihnachten ihr Wunschtelefon in den Händen halten.

Womöglich bekommen van Abel und sein Team dann aber ein ganz anderes Problem. Nichts spricht sich bei Technik- Fans so schnell herum wie ein schickes neues „gadget“, das den Besitzer schmückt. Was also, wenn plötzlich eine halbe Million Kunden ein Fairphone wollen? „Bloß das nicht!“, seufzt van Abel. Müsste die Produktion schnell ausgeweitet werden, „dann würden wir es ja genauso machen wie die anderen und die Hersteller unter Druck setzen, auf Kosten der Beschäftigten zu wirtschaften“.

Diese Gefahr sieht sein chinesischer Partner allerdings nicht. „Wir können auch 500 000 Stück in ein paar Monaten herstellen“, versichert A’Hong-Manager He, „kein Problem“.

http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/fairphone-ein-gadget-fuer-das-gute-gewissen/8869280.html

Wenn Arbeitslose Sklaven mimen

Menschen stehen in El Ejido Schlange zum Casting für “Exodus” von Ridley Scott.

(Foto:AFP)

ANZEIGE

Wie groß muss die Verzweiflung sein, wenn man sich darum reißt, einen Sklaven in der Wüste zu mimen? Als Ridley Scott für seine “Exodus”-Verfilmung Statistenjobs ausschreibt, machen sich mehr als 20.000 arbeitslose Spanier auf den Weg. Eine Geschichte aus dem Zentrum der Krise.

Von Sebastian Schoepp

Da war niemand, der Brot vom Himmel fallen ließ, niemand, der wie Moses aus einem Felsen Wasser schlug und niemand, der das Meer der Menschen teilte. Da war nur die zornige biblische Hitze – und die Sklaventreiberin mit der Sonnenbrille oben auf der Treppe, die unentwegt in ihr Megafon schrie: “Keine Dicken, keine Blonden – he du da, glaubst du, du siehst aus wie jemand, der durch die Wüste gelaufen ist? Hau ab nach Hause!”

Bis zu neun Stunden haben in diesem August Zehntausende Spanier bei 40 Grad Schlange gestanden, um einen Job als Sklaven-Komparse in einem Bibelfilm zu erhalten. Dabei geht in Andalusien im Hochsommer normalerweise niemand freiwillig auf die Straße. Doch normal ist in Spanien schon lange nichts mehr in Zeiten von 25 Prozent Arbeitslosigkeit, in Andalusien sind es sogar 35 Prozent. Da schillert jede noch so kleine Hoffnung auf jeden noch so kurzfristigen Job wie ein Regenbogen über dem Sinai.

Der Regisseur Ridley Scott will im Herbst in Südspanien das alttestamentarische Buch Exodus mit Christian Bale als Moses verfilmen. Es geht um den Auszug der Israeliten aus ägyptischer Sklaverei, den Zug durchs Rote Meer und durch die Wüste. Dafür braucht er zweitausend Statisten. 80 Euro Tagesgage winken, das ist eine Menge Geld in einem Land, in dem es nicht mehr selbstverständlich ist, dass man für Arbeit überhaupt bezahlt wird.

Familiendramen spielen sich ab

Als das Casting Anfang August angekündigt wurde, setzte eine Art Völkerwanderung ein: Mehr als 20.000 Menschen strömten in die fünf Drehorte Pechina, Almería, Roquetas del Mar, El Ejido und Macael, wo in den Marmorbrüchen die Schufterei der Israeliten in pharaonischer Knechtschaft nachgestellt wird. Urlauber ließen ihren Strand in Cabo de Gata zurück, afrikanische Migranten ihren Bauchladen mit Billigsonnenbrillen, Rastas aus Madrid ihren Joint. Sogar Familien aus Galicien im regnerischen Nordwesten folgten dem Ruf. “Einen massiven Zulauf”, konstatierte Pilar Moya von der Castingfirma in der spanischen Presse. Das verschlafene Pechina hat nur 3500 Einwohner, aber am Castingtag drängten sich an die 5000 Bewerber durch die Gassen.

Das Ganze ähnelte einem Sklavenmarkt mit umgekehrten Vorzeichen. Gebraucht wurden nicht die Stärksten, Schönsten und Größten. Um Sklave sein zu dürfen, galt es, eher dünn, sonnenverbrannt und ausgemergelt aussehen, zynisch könnte man sagen: Je mehr von der Wirtschaftskrise gezeichnet, desto besser. In einem Video ist ein verwahrloster Mann zu sehen, der an seinem Zottelbart nestelt: “Gut, dass ich den hab.” Familiendramen spielten sich ab: Von zwei Kinder wurde eines engagiert, das andere nicht. Es sei zu dick, lautete das Verdikt der Caster. “Stimmt ja gar nicht”, versuchte die Mutter das aufgelöste Mädchen zu trösten.

Lola Haro wurde genommen, wegen ihres maurischen Einschlags, den in Südspanien viele haben. “Ich habe das Casting von Pechina überlebt” sagt sie lachend. Das Chaos habe “gefährlich” angemutet, sie berichtet von überforderten Polizisten, Ohnmachten, Panikattacken, dehydrierten Frauen. Sie sei stinksauer nach Hause gekommen. Aber den Job hat die 26-Jährige. Sie ist arbeitslos, die Suche nach Beschäftigung hat sie zwischenzeitlich bis nach Norwegen getrieben. Dass eine bedrückende Symbolik dahintersteckt, wenn Arbeitslose Sklaven mimen, ist auch ihr klar. “Aber wir nehmen das mit Humor”, sagt sie.

Dass die Wahl Ridley Scotts auf Spanien fiel, liegt nahe. Originaldrehorte fallen aus, im Sinai wimmelt es von marodierenden Beduinen und schießwütigen Islamisten. In den kargen, wüsten Weiten um Almería wurden schon “Lawrence von Arabien”, “Cleopatra” und diverse Italowestern gedreht, neuerdings sei die Gegend auch gefragt als Afghanistan, sagt Piluca Querol, Direktorin der andalusischen Filmförderungskommission. Sie hat sich persönlich bemüht um Ridley Scott. Man zeigte ihm Drehorte, flog ihn im Hubschrauber über Wüsteneien. Ihn für Andalusien gewonnen zu haben, betrachtet die Direktorin als “enormen persönlichen Erfolg nach Monaten harter Arbeit”. Man hofft nun auf den Scott-Effekt, also auf Nachahmer.

Fast alles realisierbar, solange es Jobs bringt

Für die Wirtschaft seien die Dreharbeiten ein Faktor, den man noch gar nicht beziffern könne. Tausende Menschen fänden Arbeit, nicht nur Statisten, sondern auch Zimmerer, Schreiner, Elektriker, Gärtner und die Hotellerie. Natürlich habe beim Andrang zum Casting die Massenarbeitslosigkeit in der Region eine Rolle gespielt, sagt Piluca Querol. Der Job sei eine “außergewöhnliche Chance” für viele Leute.

Wie groß muss die Verzweiflung sein, wenn man sich darum reißt, einen Sklaven in der Wüste zu mimen? Ziemlich groß, und das Filmprojekt ist keineswegs der extremste Fall. Derzeit ist in Spanien alles realisierbar, solange es Jobs bringt: Bei Madrid stellt der US-Milliardär Sheldon Adelson demnächst seine gigantische Kasinostadt Euro-Vegas in die wasserlose Einöde, ein äußerst umstrittenes Milliardenprojekt, das zockende Russen und Chinesen anlocken soll und für das eine Reihe von Gesetzen geändert werden muss. Ein Dorf jubelt, weil man es als mögliche Endlagerstätte für Atommüll ausgewählt hat. An der Küste werden Baubeschränkungen zurückgenommen, mit denen die frühere sozialistische Regierung den Immobilien-Wahn hatte stoppen wollen. In den Bergen wird der Naturschutz gekippt, damit reiche Jäger ein Paar Euro in den Dörfern lassen.

Spanien mache sich zur Hure, hat Felipe González, der frühere Ministerpräsident, gesagt. Aber der ist nur ein Rufer in der Wüste.

http://wipo.verdi.de/wirtschaftspolitik_aktuell

Artikel 22

Jeder hat als Mitglied der Gesellschaft das Recht auf soziale Sicherheit und Anspruch darauf, durch innerstaatliche Maßnahmen und internationale Zusammenarbeit sowie unter Berücksichtigung der Organisation und der Mittel jedes Staates in den Genuß der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte zu gelangen, die für seine Würde und die freie Entwicklung seiner Persönlichkeit unentbehrlich sind.

Artikel 23

(1) Jeder hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz vor Arbeitslosigkeit.

(2) Jeder, ohne Unterschied, hat das Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit.

(3) Jeder, der arbeitet, hat das Recht auf gerechte und befriedigende Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert, gegebenenfalls ergänzt durch andere soziale Schutzmaßnahmen.

http://www.unric.org/de/menschenrechte/16

Das angebliche Jobwunder

Verantwortlich: 

Der Spiegel macht sich den “Hype” rund um die Fussball-Weltmeisterschaft zu Nutze und fabuliert vom “schwarz-rot-goldenen Jobwunder”. Auch die übrigen Mainstream-Medien verbreiten unreflektiert die OECD-Daten und verweigern den Blick hinter die Kulissen der in wachsendem Maße frisierten und aufgehübschten Arbeitslosenstatistik. Ein realistischeres Bild zur Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt läßt sich jedoch nur dann gewinnen, wenn die zahlreichen “statistischen Bereinigungen”, “Sondereffekte” und statistischen Tricks aufgezeigt werden, welche zu einer zunehmenden Verschleierung der tatsächlichen Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt führen. Anmerkungen unseres Lesers G.K.

Der Spiegel schreibt:
Jubel über schwarz-rot-goldenes Jobwunder
Die Bundesrepublik geht gestärkt aus der Wirtschaftskrise hervor: Die Arbeitslosenquote sank in den vergangenen zweieinhalb Jahren von 7,9 auf 7,0 Prozent. Das teilte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am Mittwoch in Paris mit. In den anderen OECD-Staaten stieg die Arbeitslosenquote im Schnitt dagegen von 5,7 auf 8,6 Prozent.
Die Entwicklung ist bemerkenswert. Immerhin war Deutschland mit einem Einbruch der Wirtschaftsleistung um 6,7 Prozent besonders stark von der Rezession betroffen. Die OECD lobt flexible Arbeitszeitregelungen in den Betrieben und die staatlich geförderte Kurzarbeit. So wurden rund 200.000 Arbeitsplätze durch Kurzarbeit erhalten. Allerdings empfiehlt die OECD auch, die während der Krise erleichterten Regeln wieder zu verschärfen, “sobald der Aufschwung an Fahrt gewinnt”.
Quelle: Spiegel Online

  • Der Spiegel nennt zumindest die im OECD-Bericht genannte Ausweitung der Kurzarbeiter-Regelung. Bei der Kurzarbeiter-Regelung handelt es sich um ein deutsches Spezifikum. Die hieraus resultierende verdeckte Arbeitslosigkeit beträgt lt. OECD 200.000 Personen. Die von der Großen Koalition beschlossene Ausweitung der Kurzarbeiterregelung war eine sinnvolle Entscheidung, da hierdurch Qualifikationsverluste bei den Arbeitnehmern sowie eine zunehmende gesellschaftliche Spaltung verhindert werden. Neoliberale Arbeitsmarktökonomen stehen dem jedoch sehr häufig ablehnend gegenüber, weil dies angeblich zu einer “Konservierung des Arbeitsmarktes” führe. Während die diversen Bundesregierungen in den vergangenen Jahren zum Vollstrecker neoliberaler Arbeitsmarktpolitik wurden (Stichwort: “Agenda 2010″), schlug man bei der Kurzarbeiter-Regelung den Rat der neoliberalen Arbeitsmarktökonomen aus. Der maßgebliche Grund dürfte der für die Politik angenehme statistische “Neben”-Effekt geschönter Arbeitslosendaten sein. (Zumal im Vorfeld der letzten Bundestagswahlen)
  • Die von der OECD für Deutschland veröffentlichten Arbeitsmarktdaten berücksichtigen nicht, dass die von privaten Arbeitsvermittlern betreuten Arbeitslosen seit dem Mai 2009 nicht mehr in der offiziellen deutschen Arbeitslosenstatistik enthalten sind. Der von der OECD vorgenommene Vergleich der aktuellen Arbeitslosenquote mit jener vor Ausbruch der Wirtschaftskrise müsste somit auch um diese Arbeitslosenzahl erweitert werden.
  • Im Verlaufe der Wirtschaftskrise setzte sich in Deutschland die seit vielen Jahren anhaltende Entwicklung der Umwandlung von Vollzeit-Arbeitsstellen in Teilzeit-Arbeitsstellen sowie Minijobs fort. Während der Wirtschaftskrise wurde die Anzahl der Vollzeit-Arbeitsstellen abgebaut, die Zahl der Teilzeit- und Minijobs nahm hingegen zu. Dies führt zu einer Aufhübschung der Arbeitslosenstatistik, da durch die Umwandlung eines Vollzeitarbeitsplatzes in zwei oder mehrere Teilzeit- und Minijobs die Arbeitslosigkeit statistisch reduziert wird. Selbst bei gesunkenem Arbeitsvolumen kann durch die Entstehung dieser zumeist prekären Arbeitsverhältnisse offiziell eine gesunkene Arbeitslosigkeit ausgewiesen werden.
  • Seit einigen Jahren sinkt in Deutschland die Zahl der Erwerbsfähigen. Allein in diesem Jahr wird das Arbeitskräfteangebot wegen der Alterung der Gesellschaft um mehr als 100.000 Personen zurückgehen. Die hierdurch verursachte Reduktion der Arbeitslosenzahl tritt ein, ohne dass Politik oder Wirtschaft auch nur einen Finger rühren müssen. Dieser die deutsche Arbeitslosenstatistik schönende Effekt trifft auf zahlreiche andere Staaten (z.B. die skandinavischen Staaten) in dem Maße nicht zu. In manchen Staaten führt der demografische Effekt in der Wirtschaftskrise sogar zu einem Anwachsen der Arbeitslosigkeit (so z.B. in Frankreich).

Ein bezeichnendes Bild auf die Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt wirft der Beitrag “Verbrämte Statistik” der für die Wirtschafts- und Sozialpolitik verantwortlichen taz-Redakteurin Ulrike Herrmann:

Es ist ein monatliches Ritual, das stets viel Aufmerksamkeit findet: die Präsentation der Arbeitsmarktzahlen. (…) Aber was sagen die Zahlen eigentlich? Was bedeutet es, dass im Mai etwa 3,2 Millionen Menschen offiziell arbeitslos waren? Nicht viel.
Wie unvollständig die Zahlen der Bundesagentur sind, führte am Dienstag das Statistische Bundesamt vor, das die Unterbeschäftigung in Deutschland erhebt. Danach würden 8,6 Millionen Menschen zwischen 15 und 74 Jahren gern mehr arbeiten, als sie es derzeit tun. Dazu gehören nicht nur die 3,2 Millionen Erwerbslosen. Hinzu kommen 1,2 Millionen in der “stillen Reserve”, die sich durch Fortbildungen hangeln oder keine Kinderbetreuung finden. Dann gibt es Millionen Teilzeitbeschäftigte, die am liebsten ihre Arbeitszeit aufstocken würden. Auch manche Vollzeitkraft könnte sich Überstunden vorstellen, um den Verdienst aufzubessern.
Es ist nicht trivial, welche Statistik von Politik und Medien beachtet wird. Zählt man nämlich nur die offiziellen Erwerbslosen, dann steht Deutschland unter den 27 EU-Staaten sehr gut da: Zuletzt war es Platz 7, wie die Bundesagentur ausweist. Wird jedoch auch die Unterbeschäftigung berücksichtigt, landet Deutschland plötzlich weit hinten – auf Platz 20.

Fazit:
Der schon seit mehreren Jahren in zahlreichen Medien angefachten Jubelstimmung (“Jobwunder” etc.) ist mit erheblicher Skepsis zu begegnen, zumal das angebliche “Beschäftigungswunder” nicht selten zur Rechtfertigung für den angeblichen “Erfolg” der neoliberalen “Agenda 2010″-Politik (speziell Hartz IV) missbraucht wird. Zahlreiche statistische Schönfärbereien, die Umwandlung von Vollzeit- in Teilzeitstellen, der demografische Effekt sowie die deutliche Verschlechterung der Qualität der Arbeitsplätze und die damit einhergehende schlechte Entwicklung der realen Arbeitnehmereinkommen in Deutschland machen deutlich, dass sich die Perspektiven für zahlreiche Beschäftigte seit vielen Jahren negativ entwickeln. So weist Deutschland europaweit mittlerweile den prozentual höchsten Anteil der im Niedriglohnsektor beschäftigten Arbeitnehmer aus. Diese Entwicklung droht sich auch in den kommenden Jahren fortzusetzen. So äußerte kürzlich der DGB die Besorgnis, in den kommenden Jahren würden weitere Arbeitsplätze der Stammbelegschaften abgebaut und in zumeist prekäre Leiharbeitsplätze umgewandelt werden. Die Befürchtung: Die Zahl der Leiharbeitsplätze könne hierdurch auf ca. 2,2 Millionen anwachsen. Zum Vergleich: Vor dem Ausbruch der Wirtschaftskrise waren “nur” ca. 0,8 Millionen Arbeitnehmer in der Leiharbeitsbranche tätig.

 

http://www.nachdenkseiten.de/?p=6174

 

Für Bank durchgearbeitet: Praktikant gestorben

21. August 2013, 08:13

21-jähriger Deutscher hatte während Praktikum bei Investmentbank nächtelang nicht geschlafen, die Umstände sind aber unklar

London – Der 21-jährige Praktikant Moritz E. ist vergangenen Donnerstag in London tot aufgefunden worden, nachdem er laut der britischen Tageszeitung “The Independent” nächtelang durchgearbeitet hatte. Der junge Mann arbeitete für eine Tochter der Bank of America, Merrill Lynch. Das US-Bankhaus bestätigte am Dienstag die Meldungen über seinen Tod, die Umstände sind aber noch unklar. Diverse Medien hindert das aber nicht daran, bereits von einem “Zu-Tode-Schuften” zu sprechen.

Der Deutsche habe gerade die sechste Woche seines siebenwöchigen Praktikums absolviert, sagte ein Sprecher der Bank of America. Angaben zu den Arbeitszeiten des Verstorbenen beziehungsweise der Praktikanten allgemein machte er nicht.

Drei Tage durchgearbeitet

Moritz E. habe vor seinem Tod “drei Tage hintereinander bis 6 Uhr früh durchgearbeitet”, berichtet der “Independent”. Die Leiche sei am Donnerstag von Mitbewohnern in der Dusche des Appartements gefunden worden. Die Zeitung zitierte die Aussage eines anderen Praktikanten, wonach der Deutsche “innerhalb von zwei Wochen acht Nächte nicht geschlafen hat”.

Die Londoner Finanzbranche ist ein beliebtes Ziel von Wirtschaftsstudenten, sie verspricht viel Geld und Prestige. Laut “Independent” soll der 21-Jährige im Monat 2.700 Pfund verdient haben (etwa 3.150 Euro). Ein Bewohner des Studentenheims, in dem der Deutsche wohnte, sagte der Zeitung: “Wir alle arbeiten lange. Aber im Investmentbanking arbeiten sie regelmäßig bis 3 oder 4 Uhr am Morgen.”

Ungesunder Erfolgsdruck

Auf der Online-Plattform seelio.com, auf der sich E. für künftige Arbeitgeber präsentierte, schrieb er laut Bericht der deutschen “Welt”: “Ich bin in einer Familie aufgewachsen, die von mir Erfolg im Leben erwartete, in welcher Hinsicht auch immer.” Sein Profil ist mittlerweile nicht mehr abrufbar.

“Exzessives Arbeiten, vor allem zusätzliche Nachtschichten, sind ein Gesundheitsrisiko”, zitiert der “Independent” einen Londoner Kardiologen. Er bezieht sich auf eine Studie, wonach mit übermäßigem Arbeiten ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle gegeben sei. Eine Obduktion von Moritz E. steht in den nächsten Tagen an. (APA/sat, derStandard.at, 21.8.2013)

The Massacres in Egypt Are a Precursor to a Wider Global Conflict Between the Elites and the World’s Poor

The engine for this chaos is not religion but the collapsing global economy, a world where the wretched of the Earth are to be subjugated and starved or shot.
August 15, 2013  |
 

The only way to break the hold of radical Islam is to give followers of the movement a stake in the wider economy, the possibility of a life where the future is not dominated by grinding poverty, repression and hopelessness. If you live in the sprawling slums of Cairo or the refugee camps in Gaza or the concrete hovels in New Delhi, every avenue of escape is closed. You cannot get an education. You cannot get a job. You cannot get married. You cannot challenge the domination of the economy by the oligarchs and the generals. The only way left for you to affirm yourself is to become a martyr or shahid. Then you will get what you cannot get in life—a brief moment of fame and glory. And while what will take place in Egypt will be defined as a religious war, and the acts of violence by the insurgents who will rise from the bloodied squares of Cairo will be defined as terrorism, the engine for this chaos is not religion but the collapsing global economy, a world where the wretched of the Earth are to be subjugated and starved or shot. The lines of battle are being drawn in Egypt and across the globe. Adli Mansour, the titular president appointed by the military dictator of Egypt, Gen. Abdul-Fattah el-Sisi, has imposed a military-led government, a curfew and a state of emergency. It will not be lifted soon.

The lifeblood of radical movements is martyrdom. The Egyptian military has provided an ample supply. The faces and the names of the sanctified dead will be used by enraged clerics to call for holy vengeance. And as violence grows and the lists of martyrs expand it will ignite a war that will tear Egypt apart. Police, Coptic Christians, secularists, westerners, businesses, banks, the tourism industry and the military will become targets. Those radical Islamists who were convinced by the Muslim Brotherhood that electoral politics could work and brought into the system will go back underground, and many of the rank-and-file of the Muslim Brotherhood will join them. Crude bombs and explosive devices will be set off. Random attacks and assassinations by gunmen will puncture daily life in Egypt as it did in the 1990s when I was in Cairo for the New York Times, although this time the scale of the attacks will become fiercer and wider, far harder to control or ultimately crush.

What is happening in Egypt is a precursor to a wider global war between the world’s elites and the world’s poor, a war caused by diminishing resources, chronic unemployment and underemployment, declining crop yields caused by climate change, overpopulation and rising food prices. Nearly half of Egypt’s 80 million people—33 percent—are 14 or younger and live under or just above the poverty line, which the World Bank sets at $2.00 a day. The poor in Egypt spend more than half their income on food, and often food that has little nutritional value. An estimated 13.7 million Egyptians or 17 percent of the population suffered from food insecurity in 2011, compared to 14 percent in 2009, according to the report by U.N. World Food Program (WFP) and the Egyptian Central Agency for Public Mobilization and Statistics (CAPMAS). Malnutrition is endemic among poor children with 31 percent of children under 5 being stunted in growth. Illiteracy runs at over 70 percent.

http://www.alternet.org/world/massacres-egypt-are-precursor-wider-global-conflict-between-worlds-elites-and-worlds-poor?akid=10805.295129.9ePuxI&rd=1&src=newsletter883334&t=7

Ein Jahr ist es heute her, dass Südafrika im Schock erstarrte: Polizisten erschossen 34 Bergleute, die im Platinbergwerk Marikana arbeiteten und für höhere Löhne streikten.

Am Ort dieses Blutbads soll heute an die Ereignisse vom letzten August erinnert werden. Auch schon in den Tagen zuvor hatte es damals Tote gegeben; Gewerkschaftsvertreter zum Beispiel waren umgebracht worden, auch Polizisten.

“Meine Kollegen, die gestorben sind, das waren junge Männer oder auch welche in meinem Alter”, sagt ein Bergmann. “Der Gedanke daran tut weh: Wir haben doch nur ganz legal für mehr Geld gekämpft – deshalb musste doch keiner getötet werden.”

“Das Leben ist nach wie vor schwer, nichts hat sich geändert”, meint ein anderer. “Auch die Löhne, mit denen wir gerechnet haben, haben die uns immer noch nicht gezahlt.”

Die Arbeit der Untersuchungskommission kommt nicht voran. Auch an der Rivalität verschiedener Gewerkschaften hat sich nichts geändert. Gerade erst hat der Bergwerksbetreiber Lonmin eine der Gewerkschaften, die AMCU, als alleinigen Verhandlungspartner bestimmt – zum Unmut der anderen wie der etablierten NUM.

Mehr dazu: , 

http://de.euronews.com/2013/08/16/suedafrika-ein-jahr-nach-dem-blutbad-von-marikana/