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Alliance for healthcare

“Das schlimmste Beispiel ist Griechenland”

INTERVIEW | PETRA STUIBER, 15. August 2013

Die Krise geht stark auf Kosten der Gesundheit. In Griechenland gibt es Hinweise, wonach die Menschen nicht mehr die notwendige Grundversorgung erhalten.

foto: reuters/karahalis

Die Krise geht stark auf Kosten der Gesundheit. In Griechenland gibt es Hinweise, wonach die Menschen nicht mehr die notwendige Grundversorgung erhalten.

Die strikte Sparpolitik in Europa führt laut Martin McKee zum Anstieg von Selbstmorden, Depressionen und Angststörungen

Standard: Sie gehören zu jenen Experten, die davor warnen, dass die europäische Austeritätspolitik den Gesundheitszustand der Bevölkerung massiv beeinträchtige – speziell in den Krisenländern. Inwiefern ist das so?

McKee: Die größte Beeinträchtigung durch die Krise sehen wir im Bereich der mentalen Gesundheit. Wir und andere haben den Anstieg von Patienten mit Depressionen und Angststörungen dokumentiert, genauso wie vermehrte Selbstmorde in vielen Ländern, in denen sie zuvor zurückgegangen waren. Andererseits nimmt die Zahl der Verkehrstoten in Ländern ab, in denen es vorher viele gab – weil die Menschen einfach weniger Autofahren. In einigen Ländern wiederum beobachten wir das Auftauchen infektiöser Seuchen. Diesbezüglich das schlimmste Beispiel ist Griechenland, wo es eine HIV-Epidemie unter Drogensüchtigen gibt, weil die Mittel gekürzt wurden. Auch die Malaria kehrt dorthin zurück, weil die Mittel für ihre Bekämpfung gestrichen wurden. Und es gibt Hinweise, speziell in Griechenland, dass Menschen grundsätzlich Probleme haben, notwendige Gesundheitsleistungen zu bekommen.

Standard: Haben Sie Zahlen, wie viele Menschen in Europa heute kränker sind als vor Beginn der Wirtschaftskrise?

McKee: Es ist schwierig zu sagen, wie viele Menschen konkrete Probleme haben, weil unsere Datenbanken alles andere als vollständig sind. Aber wir schätzen, dass es in den Jahren 2007 bis 2010 in der EU 8000 Suizide mehr gab als erwartet.

Standard: Sind die Gesundheitsprobleme der Menschen in der gegenwärtigen Krise dieselben wie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion?

McKee: Es ist in dreierlei Hinsicht anders: Erstens gab es diesmal keinen Zusammenbruch des Rechtsstaats. Das bedeutet ganz praktisch, dass die Zahl der Morde und der Verkehrsunfälle nicht signifikant gestiegen ist. Die Gesundheitssysteme kollabierten auch nicht, Leute mit chronischen Krankheiten starben bisher nicht in großer Zahl, obwohl die Lage in Griechenland immer schwieriger wird und Migranten in Spanien im Krankheitsfall große Schwierigkeiten haben behandelt zu werden. Drittens ist nicht dieselbe gigantische Menge an billigem Alkohol im Umlauf, wie wir es nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erlebten. Parallelen gibt es beim Anstieg der Selbstmordrate.

Standard: Wie sehen Sie die Rolle der EU? Hat sie auf die Krise gut reagiert oder versagt?

McKee: Die Generaldirektion für Gesundheit der Europäischen Kommission hat getan, was sie konnte. Dennoch hat die EU-Kommission immer die Austeritätspolitik unterstützt, obwohl wir die Hinweise sehen, dass diese Politik versagt. Sogar der Internationale Währungsfonds hat sich nach Überprüfung seiner Forschungsergebnisse von der EU-Position distanziert. Auch das Europäische Zentrum für Seuchenkontrolle hat wiederholt darauf aufmerksam gemacht, welche gesundheitlichen Effekte Austeritätspolitik nach sich zieht. Die größten Probleme macht derzeit tatsächlich die verfehlte Wirtschaftspolitik der EU.

Standard: Wie müsste man sofort gegensteuern?

McKee: Es ist ganz klar, dass die EU-Sparpolitik den Ländern, die sie übernommen haben, nicht hilft. Sie schlittern immer weiter in die Rezessionsspirale. Wir brauchen mehr als alles andere eine Politik für Wirtschaftswachstum. Wenn es gelingt, Menschen zurück in den Arbeitsmarkt zu bringen, wird das ihren Gesundheitszustand mehr verbessern als alle anderen Maßnahmen zusammen.

Standard: Österreich und auch Deutschland geben sehr viel Geld für die Erhaltung ihrer Gesundheitssysteme aus. Das Sozialversicherungssystem mit Kranken- und Pensionsversicherung verschlingt etwa ein Drittel des österreichischen BIPs. Ist das zu viel?

McKee: Das müssen vor allem die österreichischen und die deutschen Wähler demnächst beantworten. Aber wenn man bedenkt, dass beide Staaten die Finanzkrise mehr oder weniger unbeschadet überstanden haben und ihre Ökonomien rascher wieder auf den Wachstumspfad zurückkehrten als die Länder, die Austeritätspolitik betrieben, liegt es nahe, dass etwas richtig gemacht wurde. (Petra Stuiber, DER STANDARD; 16.8.2013)

Martin McKee, Professor am Institut für Gesundheitswesen an der London School of Hygiene & Tropical Medicine, ist Experte für krisenbezogene Gesundheitsforschung und referiert bei den Alpbacher Gesundheitsgesprächen über “Evidenzbasierte Gesundheitspolitik – von den Besten lernen”.

http://derstandard.at/1376533682421/Schlimmstes-Beispiel-ist-Griechenland

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Britain’s Queen Elizabeth II is one of the world’s richest women, worth £17 billion. Her investments in the arms trade include firms that produce the uranium used in depleted uranium (DU) shells. The deployment of these shells by the US military in its attack on the Iraqi city of Fallujah in 2004 is believed to be the cause of a huge increase in cases of cancer and birth defects.

http://stopwar.org.uk/index.php/video/2609-how-uk-queen-elizabeth-ii-profits-from-the-arms-trade

Papst beim Favela-Besuch: „Der Ungerechtigkeit gegenüber nicht gefühllos bleiben!“



RealAudioMP3 Wenn eine Gesellschaft einen Teil von sich ausgrenzt, kann sie keinen Frieden haben. Mit dieser Botschaft kam Papst Franziskus in die Favela Varginha in Rio de Janeiro. Das Armenviertel stand an diesem Donnerstag auf Wunsch des Papstes selbst auf dem Programm seiner Reise. Wie er im Flug nach Brasilien betont hatte, wolle er die Menschen in ihren Umfeldern und nicht isoliert besuchen. Das brasilianische Volk, und besonders die Einfachsten unter ihnen, könnten der Welt eine wertvolle Lektion in Sachen Solidarität erteilen, so Franziskus in seiner mehrfach durch Jubel unterbrochenen Ansprache:

„Ich möchte einen Appell an die richten, die mehr Ressourcen besitzen, an die Vertreter des öffentlichen Lebens und an alle Menschen guten Willens, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen: Werdet nicht müde, für eine gerechtere und solidarischere Welt zu arbeiten! Niemand kann gegenüber den Ungleichheiten, die weiterhin in der Welt bestehen, gefühllos bleiben! Jeder sollte seinen Möglichkeiten und seiner Verantwortung entsprechend persönlich dazu beitragen, den vielen sozialen Ungerechtigkeiten ein Ende zu setzen.“

Für eine Kultur der Solidarität sei es wichtig, im anderen nicht einen Konkurrenten oder eine Nummer zu sehen, sondern einen Bruder, unterstrich Franziskus. Er ermutigte die brasilianische Gesellschaft, den Kampf gegen Hunger und Elend fortzuführen und dabei alle zu integrieren, auch die, die am stärksten von Leid und Not betroffen seien: 

„Keine Bemühung um ‚Befriedung’ wird von Dauer sein, keine Harmonie und kein Glück wird es geben für eine Gesellschaft, die einen Teil von sich ignoriert, ausgrenzt und an der Peripherie sich selbst überlässt. Eine Gesellschaft laugt sich so schlichtweg selber aus, ja, verliert etwas Wesentliches für sich selber. Erinnern wir uns immer daran: Nur wenn man fähig ist zu teilen, wird man wirklich bereichert; alles, was man teilt, vervielfältigt sich! Der Maßstab für die Größe einer Gesellschaft liegt in der Art, wie sie die behandelt, die am meisten Not leiden, diejenigen, die nichts besitzen als ihre Armut!“

Als „Anwältin der Gerechtigkeit und Verteidigerin der Armen gegen untragbare soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten, die zum Himmel schreien“ (Dokument von Aparecida, 395), biete die Kirche jedem ihre Mitarbeit an, für eine wahre Entwicklung jedes Menschen und des ganzen Menschen. In diesem Zusammenhang machte Franziskus klar, dass es nicht nur darum gehe, den Hunger nach Essen zu stillen, sondern auch den „tieferen Hunger nach Glück, den nur Gott stillen kann“.

Zu Beginn seines Besuches in Varginha segnete der Papst eine schlichte Kapelle und hielt einen Moment stillen Gebetes. Das Treffen mit der Bevölkerung fand dann auf dem Fußballplatz des Viertels statt.

Fünf Grundpfeiler einer Gesellschaft:

Einen wahren Fortschritt des Gemeinwohls und eine wahre Entwicklung des Menschen könne es nur geben, wenn die Grundpfeiler, die eine Nation tragen, geachtet und geschützt werden, so Franziskus in seiner Ansprache. Es gehe hier um immaterielle Güter: um das Leben als Geschenk Gottes, um die Familie als „Fundament des Zusammenlebens und Heilmittel gegen die gesellschaftliche Auflösung“, um eine ganzheitliche Erziehung, „die sich nicht auf eine bloße Weitergabe von Informationen zum Zweck der Gewinnproduktion beschränkt“, um die Gesundheit, die das Gesamtwohl der Person im Auge haben muss und auch die geistige Dimension, sowie um Sicherheit, in der Überzeugung, dass „Gewalt nur von einer Verwandlung des menschlichen Herzens aus überwunden werden kann“.

Zum Ende seiner Ansprache machte Franziskus den Jugendlichen Mut, auch angesichts vieler Ungerechtigkeiten und Probleme wie etwa der Korruption, nicht die Hoffnung zu verlieren: „Die Wirklichkeit kann sich ändern, der Mensch kann sich ändern“ erinnerte Franziskus. Zugleich rief er dazu auf, sich selbst als erstes zu ändern, im Glauben an Jesus Christus und an das Gute.

(rv 25.07.2013 ord/sta)


Dieser Text stammt von der Webseite http://de.radiovaticana.va/news/2013/07/25/papst_beim_favela-besuch:_%E2%80%9Eder_ungerechtigkeit_gegen%C3%BCber_nicht/ted-713688
des Internetauftritts von Radio Vatikan

Favelas in Rio: „Wir brauchen keine Polizeigewalt, sondern Perspektiven“



Der Papstbesuch in einem Armenviertel Rios erinnert an eines der dunkleren Kapitel der Gesellschaft des Landes: Die Gewalt zwischen Arm und Reich, an die Polizei- und Militäreinsätze in den Favelas und die Gewalt, die mit der Kriminalität verbunden sind. Die Favelas sind ein Ort, in dem die Gewalt alltäglich ist, auch die, die mit der Befriedung der Viertel durch Spezialeinheiten verbunden ist. Auch das soll bei diesem WJT nicht verdrängt werden. Ein Bericht unserer Korrespondentin Anne Preckel: RealAudioMP3 

Investitionen in Lebensqualität und Bildung sind nach Ansicht des 28-jährigen Brasilianers Valmir das beste Mittel zur Befriedung der Favelas in Rio, Polizeigewalt bringe nichts und schaffe nur einen „Scheinfrieden“. Der angehende Geschichtslehrer, der selbst in einem Armenviertel wohnt, ist auf dem Weltjugendtag in das Forum „International Youth Hearing“ involviert. Ganz früher sei er selbst im Drogengeschäft gewesen, erzählt der junge Mann, der an diesem Mittwoch in Rio zusammen mit Caritas-Bischof Flavio Giovenale auf dem Podium über Gewalt und Gerechtigkeit diskutierte.

„Wenn man Bildung und einen Job hat braucht man nicht in den Drogenverkehr einzusteigen oder da hinterherzurennen. Die Polizei geht ja nur in die Favelas, um gegen den Drogenverkehr zu kämpfen. Es ist aber so, dass keine Sozialpolitik existiert, die Arbeit schafft und das geforderte Lebensniveau bringt, um den ganzen Drogenverkehr letztlich nutzlos zu machen.“

Der gebürtige Carioca, wie man die Einwohner Rios hier nennt, kam selbst durch einen engagierten Pater vom Drogengeschäft weg. Langsam ist er durch den Kontakt in die kirchliche Gemeindearbeit hineingewachsen:

„Angefangen habe ich mit Katechesen für Kinder, dann habe ich in der Gemeinde eine Jugendgruppe koordiniert und ich habe gelernt, Instrumente zu spielen, um beim Gottesdienst Musik zu machen. Danach habe ich mich in der Jugendpastoral der Erzdiözese von Rio weiter engagiert, und heute gehöre ich zur kirchlichen Jugend hier.“

Der Papst besucht an diesem Donnerstag die Favela Varginha. Das Armenviertel war in früheren Jahren Schauplatz blutiger Bandenkriege zwischen verfeindeten Drogenkartellen. Inzwischen gilt es als befriedet. Wird auch Valmir am Donnerstag in diese Favela gehen, um den Papst zu sehen?

„Naja, diese Favela ist ja recht klein, da können nicht viele Leute hin. Ich sehe den Papst bei anderen Gelegenheiten auf dem Weltjugendtag, am Donnerstag in der Favela sind andere Jugendliche dabei.“

Von der Befriedung der Favelas durch die brasilianische Polizei hält der junge Mann nicht allzu viel. Er hat schlechte Erfahrungen gemacht. Und während Bischof Giovenale für eine Reform der Militärpolizei plädiert – „Wir brauchen eine Polizei mit Bürgerbewusstsein“ -, würde Valmir die Spezialeinheit, die die Favelas vom Drogengeschäft säubern soll, lieber abgeschafft sehen. Die Befriedung der Favelas sei oftmals nur ein Schein, und zwar ein blutiger:

„Dieser Frieden ist nur ein Scheinfrieden und der Prozess der Befriedung ist oberflächlich; er löst nicht wirklich das Gewaltproblem. Personen sterben dann eben nicht mehr durch Schüsse, sondern durch Stiche. Stiche, weil Messer nicht laut sind. Die Gewalt besteht auch mit Polizeipräsenz weiter.“

Die Sicherheit für die Bevölkerung sei „wichtig“, ist Valmir überzeugt. Doch die Polizeigewalt sei „nicht die beste Form“, das durchzusetzen. Verlierer der oft rabiaten Maßnahmen seien die jungen Leute, so der 28-Jährige, der „die Armen und die Schwarzen“ als letzte Glieder der brasilianischen Gesellschaft beschreibt:

„Die Leute in der Favela werden kriminalisiert, es gibt da einen Generalverdacht. Und diese Kriminalisierung schadet vor allem der Jugend. Wir bekommen das dann ab, wenn die Polizei in die Favela kommt, um dem Drogenhandel zu bekämpfen. Wir werden von ihnen nicht als Bürger behandelt und nicht mit dem Respekt, den wir eigentlich verdient hätten. Sie behandeln Leute aus der Favela als minderwertige Menschen.“

Kann der Papstbesuch die Lage der Menschen in Varginha und in den insgesamt 700 Favelas von Rio verbessern? In der Metropole leben insgesamt 1,5 Millionen Menschen in solchen Armenvierteln. Der Papstbesuch sei in jedem Fall ein Appell und ja, Franziskus habe das Zeug dazu, ein wenig Licht ins Dunkel der Armut zu bringen, meint Valmir:

„Der Papst schaut aufs Volk, die Kirche schaut aufs Volk, wir alle sollen auf das Volk schauen. Es sind so viele Jugendliche in dieser Gewalt gefangen. Der Papst als Zeuge Christi kann diese Situation verändern.“

Das „International Youth Hearing“ auf dem Weltjugendtag ist eine Initiative der Hilfswerke MISEREOR und Adveniat und dem Bund der katholischen Jugend (BDKJ). Idee ist die Entwicklung von Visionen für eine gerechtere Welt und eine Umsetzung der Option für die Armen im Alltag. Dazu diskutierten junge Leute mit Vertretern aus Kirche, Politik und Gesellschaft. 

(rv 25.07.2013 pr)


Dieser Text stammt von der Webseite http://de.radiovaticana.va/news/2013/07/25/favelas_in_rio:_%E2%80%9Ewir_brauchen_keine_polizeigewalt,_sondern/ted-713541
des Internetauftritts von Radio Vatikan